Hans Joachim von Hörsten

Impressum

Realität und Quantenwirklichkeit

1. Quantenwelt
- Strahlengesetz (Planck 1900)
- Photonen (Einstein 1905)
- Materiewellen (de Broglie 1924)
- Wahrscheinlichkeitswellen (Born 1927)
- Heisenbergs Matrizen (1925)
- Schrödingers Wellengleichung (1926)
- Unschärferelation (Heisenberg 1927)
- Das Messproblem
- Nicht-Lokalität und Quanten-Verschränkung

2. Interpretationen der Quantenphysik
- Kopenhagener Deutung (Bohr, Heisenberg)
- Ensemble-Interpretation
- Viele Welten (Everett)
- Verborgene Variable (Bohm)
- Dekohärenz (Zeh 1970, Joos)

3. Der Beobachter (wir !)
- Schrödinger– Gleichung und Kollaps
- Möglichkeiten und Fakten (Weizsäcker)
- Raumzeit und deren Aufspaltung

4. Konstruktivismus und Quantenphysik
- Realität und Wirklichkeit bei Gerhard Roth
- "Klassische" Umwelt und die daraus gebildete Wirklichkeit
- Realität und Wirklichkeit in der Quantenwelt
- Quantentheoretische Nicht-Lokalität und die Fakten der Raumzeit
- Zusammenhang zwischen Gedächtnis und Raumzeit-Fakten
- Das Gedächtnis eine Index-Datei?
5. Quantenphysik und Mystik


Einleitung
Es gibt viele Lehrbücher über Quantenphysik (synonym: Quantenmechanik), deshalb bilden die ersten beiden Kapitel nur einen kurzen Überblick.
In den Kapiteln 3 und 4 habe ich mir dann Gedanken gemacht darüber, inwieweit der neurobiologische Konstruktivismus für ein Verständnis der Quantenphysik herangezogen werden kann, und ob sich daraus neue Erkenntnisse über unsere Welt und über uns selbst ergeben könnten.

1.Quantenwelt
Bereits in der Antike haben Menschen physikalische Theorien aufgestellt. Hervorzuheben seien hier Platon (427 – 347) und sein Schüler Aristoteles (384 – 322). Die Gedanken der Antike wurden dann in der arabischen (islamischen und jüdischen) Welt weitergeführt, während das christliche Abendland sich mehr mit Inquisation und Hexenverbrennungen beschäfigte. Dann kamen Kopernikus (1437 – 1543) und Galilei (1564 – 1642). Deren Schicksale sind bekannt. Wetere Meilensteine setzten Newton (1643 – 1727) mit seiner Mechanik und Maxwell (1831 – 1879) mit seiner Formulierung des Elektromagnetismus.
Ende des 19. Jahrhunderts ergaben sich Widersprüche zwischen Theorie und Messung im Bereich der Hohlraum-Strahlung. Max Planck formulierte dann 1900 ein Strahlengesetz, aus dem bereits hervorging, dass Energie anscheinend in "Portionen" abgestrahlt wurde. Planck führte dabei die "Hilfs"- Konstante h ein, die später als Plancksches Wirkungsquantum bezeichnet wurde, und neben der Vakuum-Lichtgeschwindigkeit c0 die wichtigste Konstante der modernen Physik werden sollte.
Im Jahre 1905 befand sich unter den fünf von Albert Einstein abgegebenen Arbeiten auch eine, die sich mit dem Lichtelektrischen Effekt befasste (für die er später den Nobelpreis erhielt). Einstein erkannte, dass dieser Effekt nur zu erklären war, wenn man annahm, dass Licht nicht als elektromagnetische Welle aufzufassen war, sondern als ein Strahl von Teilchen ("Photonen"), deren Energie proportional zur Frequenz des Lichtes ist. Der Proportionalitätsfaktor ist dabei das Plancksche Wirkungsquantum h. Da nun aber ja die Wellennatur des Lichtes durch Messungen bestens bestätigt war, tritt hier zum ersten mal der für die Quantenphysik typische Welle-Teilchen- Dualismus auf. (Als dann später der Wahrscheinlichkeits- Effekt in die Quantenphysik eingeführt wurde, entwickelte sich Einstein zu einem der schärfsten Kritiker der Quantenphysik: "Gott würfelt nicht!").
1924 erkannte Louis de Broglie, dass umgekehrt auch Materie-Teichen, z.B. Elektronen, Welleneigenschaften haben können, wobei die Wellenlänge umgekehrt proportional dem Impuls des Teilchens ist. Der Proportionalitätsfaktor ist dabei wiederum das Plancksche Wirkungsquantum h.
Die hierbei auftretenden Wellen wurden von Max Born als "Wahrscheinlichkeits-Wellen" gedeutet. Sie geben an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Teilchen an einem Ort im Raum zu finden ist. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Wellen sich genauso an einem Spalt beugen lassen wie z.B. elektromagnetische Wellen, oder auch Wasswewellen.
Die mathematischen Grundlagen zur Berechnung entwickelten Heisenberg mit der Martizenrechnung (1925) und Schrödinger mit seiner Wellengleichung ("Schrödinger-Gleichung" 1926). Schrödinger erkannt dann, dass beide Ansätze gleichwertig sind. Heute wird allgemein die Schrödingergleichung benutzt.
Eine für die gesamte Quantenphysik wichtige Beziehung ist 1927 von Heisenberg entdeckt worden: die "Quante-Unschärfe", auch als "Heisenbergsche Unschärfebeziehung" bezeichnet. Sie besagt, dass bestimmte komplementäre Größen nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden können. Je genauer die eine Größe gemessen wird, umso ungenauer wird die Messung der anderen Größe. Solche komplementären Größen sind z.B. Ort und Impuls (Geschwindigkeit), Energie und Zeit, u.a. Das Produkt zweier komplementären Größen kann dabei niemals kleiner als das Plancksche Wirkungsquantum (geteilt durch 4×pi) sein. Die Unschärfebeziehung ist wohl eine der wichtigsten Formeln der Quantenphysik. Sie ist z.B. auch verantwortlich für die "Quanten-Fluktuationen des Vakuums".
Wir haben gesehen, dass die Schröinger-Gleichung den Wahrscheinlichkeits-Charakter der Quantenphysik beschreibt. Wird nun eine Messung vorgenommen, und das Teilchen wird entdeckt, dann wird die Wahrscheinlichkeit am Ort der Entdeckung 1 und überall sonst 0. Man sagt, dass die Wellenfunktion "kollabiert".
Wie schnell geschieht nun der Kollaps? Nehmen wir an, wir betrachten ein Wasserstoff-Atom. Nach dem Bohrschen Atommodell können sich die Elektronen nur auf ganz bestimmten Quantenbahnen (Schalen) aufhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in der untersten möglichen Schale aufhält, ist am größten, für die weiteren Schalen nimmt die Wahrscheinlichkeit nach außen hin ab, wird aber (theoretisch) niemals Null. Wenn nun das Elektron in der untersten Schale entdeckt wird, wird dort die Wahrscheinlichkeit 1, und überall sonst 0. Wie lange dauert es nun, bis die Wahrscheinlichkeit der Schale im Abstand der Sonne 0 wird? Das Licht braucht von der Sonne bis zu uns 6 Minuten. Dauert es also 6 Minuten? Tatsächlich wird die Wahrscheinlichkeit im Abstand der Sonne instantan 0 ! Man spricht deshalb von der "Quanten-Nichtlokalität".
Verwand damit ist die sog. "Quanten-Verschränkung". Es ist möglich, einen Lichtstrahl mittels eines halbdurchlässigen Spiegels in zwei Teile aufzuteilen. Wird nun die Lichtquelle so stark gedrosselt, dass nur noch wenige Photonen pro Zeiteinheit abgegeben werden, wird ein Photon gewissermaßen verdoppelt, und man kann beide räumlich trennen. Wird nun eine Manipulation an einem Photon vorgenommen, reagiert das zweite Photon ebenfalls instantan auf diese Manipulation, unabhängig davon, wie weit die beiden Photonen voneinander getrennt sind (Sehr zum Verdruss Einsteins, zusammen mit Podolski und Rosen, die hier einen Fehler in der Quantenphysik entdeckt zu haben meinten: "spukhafte Fernwirkungen". Nur die Sache konnte inzwischen experimentell bestätigt werden, und zwar über einen Abstand von mehreren km.).
Die Merkwürdigkeiten der Quantenphysik zeigen sich auch am sog. Doppelspalt- Experiment. Schickt man eine Wahrscheinlichkeits-Welle durch zwei eng nebeneinander liegende Spalten, so zeigt ein dahinter befindlicher Schirm ein streifenförmiges Interferenz-Muster, wie es sich für Beugungsvorgänge von Wellen gehört. Stellen wir nun neben einen Spalt einen Detektor, mit dem wir beobachten können, ob ein Teilchen den Spalt passiert hat oder nicht, verschwindet das Streifenmuster, und es bildet sich hinter jedem Spalt ein verwaschener einzelner Streifen. Das Ergebnis richtet sich also danach, wonach wir suchen: Welle oder Teilchen.
Ein weiteres Experiment mit sehr verblüffenden Ergebnissen wird mit einem "Quanteninterferrometer" durchgeführt. Hier handelt es sich um ein System aus zwei halbdurchlässigen und zwei normalen Spiegeln, die so angeordnet sind, dass sich ein durch einen der halbdurchlässigen Spiegel aufgespaltener Lichtstrahl mit dem anderen Teil so überlagert, dass am Ende wieder ein gemeinsamer Strahl zusammengefügt wird. Stellt man nun einen sog. "Wegedetektor" neben einen der halbdurchlässigen Spiegel, mit dem beobachtet werden kann, ob ein Teilchen den Spiegel passiert hat oder nicht, dann findet keine Interferrenz mehr statt, und die Strahlen werden nicht vereinigt, sondern verhalten sich wie Teilchenstrahlen, selbst wenn der Detektor kilometerweit vom Spiegel entfernt ist. Selbst wenn der Detektor so plaziert wird, dass ein Teilchen erst entdeckt wird, nachdem es den Spiegel passiert hat, findet keine Interferrenz statt, obwohl der Strahl vor dem Spiegel doch noch garnicht "wissen" kann, ob er beobachtet wird oder nicht. Die räumliche und zeitliche Nichtlokalität wird hier sehr deutlich. Nur durch Betrachten des gesamten Systems wird dieser Vorgang verständlich. Schaltet man den Detektor ab, läßt ihn aber stehen, dann verhält sich das System, als wäre kein Detektor da!

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2. Interpretationen der Quantenphysik
Die älteste Interpretationen der Quantenphysik stamm von Max Born, Niels Bohr und Werner Heisenberg, und wird als "Kopenhagener Deutung" bezeichnet (1927, benannt nach Bohrs und Heisenbergs Zusammenarbeit in Kopenhagen).
In der Kopenhagener Deutung wird ein positivistischer Ansatz gewählt. Den Objekten des quantentheoretischen Formalismus wird keine unmittelbare Realität zugesprochen. Sie dienen nur zur Vorhersage von Messergebnissen, denen die alleinige Realität zugesprochen wird. Die Syntax stimmt, denn sie liefert die richtigen Ergebnisse. Eine semantische Deutung ist prinzipiell nicht möglich. Irgendwie unbefriedigend!
Die meisten Physiker bevorzugen heute ein Erweiterung der Kopenhagener Deutung, die sog. Ensemble-Interpretation, bei der nicht mehr einzelne Systeme, sondern Ensembles von identisch präparierten Systemen betrachtet werden. Der Grundgedanke bleibt aber der gleiche.

Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?
Amadeu Inácio de Almeida Prado (aus dem Roman "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier).

Darauf wüsste vielleicht Hugh Everett eine Antwort mit seiner "Viele Welten" - Interpretation der Quantenphysik. Dabei wird das Postulat aufgestellt, dass alle in der Wahrscheinlichkeitswelle enthaltenen Möglichkeit auch verwirklicht werden, aber jeweils in verschiedenen Universen. Es gibt keinen "Kollaps" der Wellenfunktion mehr, die Schrödinger-Gleichung gilt universell. Eine Trennung zwischen Beobachter und Objekt gibt es nicht. Da aber ja in jedem Moment Möglichkeiten auftreten, gelangt man sehr schnell zu einer unermesslichen Zahl von Universen. In allen gelten die gleichen Naturgesetze, jede hat aber ihre eigene Raumzeit, so dass eine gegenseitige Wechselwirkung nicht möglich ist.
Es müsste demnach eine ständig wachsende Zahl von Alter Egos von jedem von uns geben, und wir können uns fragen, weshalb jeder von uns gerade in dieser Welt lebt, und nicht in einer der vielen anderen. Die gleiche Frage stellen sich natürlich auch alle Alter Egos. Jeder ist in seiner Raumzeit gefangen. Nur da wir prinzipiell nichts von den anderen Universen erfahren können, läßt sich diese Theorie auch prinzipiell weder beweisen noch widerlegen. Es könnte also so sein, aber wir können es niemals erfahren!
Die Everettsche "Viele Welten" - Interpretation der Quantenphysik hat trotz ihrer Exotik nach der Kopenhagener Deutung die zweitmeisten Anhänger.

Sehr interessant finde ich auch David Bohms Theorie der "Verborgene Variablen" (die unabhängig von ihm bereist viele Jahre vor ihm von de Broglie vorgeschlagen wurde, weshalb man sie korrekterweise auch als "de Broglie - Bohm - Theorie" bezeichnet). Die übliche Auffassung lautet ja, dass ein Quantenvorgang weder eine Teichenbewegung noch ein Wellenvorgang ist, jedoch abhängig vom Messvorgang entweder als Teilchen oder als Welle angesehen werden kann. Bohm postuliert nun, dass ein Teilchen Welle und Teilchen zugleich ist. Um das zu verstehen, wird häfig das Hologramm als Vergleich herangezogen. Ich bevorzuge den Vergleich mit einem Fernsehsender. Der Sender strahlt Information in Form elektromagnetischer Wellen ab. Dieses elektromagnetische Feld nimmt in seiner Stärke zwar mit der Entfernung ab, ist aber theoretisch unbegrenzt. Rund um den Sender befinden sich einige 100000 Empfänger, und jeder empfängt nur einen winzigen Bruchteil der vom Sender abgestrahlten Energie, und trotzdem ist in jedem dieser Bruchteile die gesamte Information über Bild und Ton enthalten. Bohms These lautet, dass auch in dem durch die Schrödinger-Gleichung beschriebenen Quantenfeld Information enthalten ist, und zwar Information über die Teilchen, die dann unter geeigneten Bedingungen, z.B. einem Experiment, "entfaltet" werden. Über diese Theorie ist sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen, mir gefällt sie aber sehr gut.
Ein interessanter Ansatz wird als "Dekohärenz" bezeichnet. Dekohärenz ist zwar schon länger bekannt, ist aber von H.D. Zeh und E. Joos in den 1970er Jahren auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt worden. Die Fragestellung lautet dabei: weshalb erscheint uns die Welt so "klassisch", obwohl die einzelnen Bestandteile doch der Quantenwahrscheinlichkeit unterliegen?
Dazu müssen zwei Tatsachen berücksichtigt werden:
Ersten sind die Objekte unserer Umwelt groß im Verhältnis zu Quantenobjekten.
Zweitens sind sie nicht allein auf der Welt.
Das führt dazu, dass die Kohärenz der Wellenfunktion der Objekte der Makrowelt von den Quantenteilchen gestört wird, so dass eine Interferenz verhindert wird, und die Quantenwahrscheinlichkeit in die klassische Wahrscheinlichkeit übergeht. Im Doppelspalt-Experiment hat ein Teilchen eine 50%-Wahrscheinlichkeit, den linken Spalt zu passieren, und die gleiche Wahrscheinlichkeit, den rechten Spalt zu passieren. Da aber ein Interferenzmuster an einem hinter den Spalten befindlichen Schirm entsteht, befindet sich tatsächlich das Teilchen an beiden Orten zugleich (wodurch das menschliche Vorstellungsvermögen überfordert wird). Wenn wir jetzt mit einem "großen" Messinstrument messen, dann tritt Dekohärenz auf, und das Messinstrument zeigt eine "klassische" Wahrscheinlichkeit von 50% für den Durchgang durch einen Spalt an. (Wer mal von "Schrödingers Katze" gehört hat, kann hiermit zeigen, dass die arme Katze, wenn sie beim Öffnen der Kiste tot aufgefunden wird, nicht erst beim Öffnen der Kiste stirbt, und sich vorher in einem seltsamen Zwischenzustand zwischen Leben und Tod befunden hat, sondern dass sie dann innerhalb der Stunde ihrer Gefangenschaft irgendwann gestorben ist, weil die Giftampulle geöffnet wurde.)
Irgendwie scheint der von Heisenberg ursprünglich formulierte Ansatz, dass bei einer Messung das Teilchen in unkontrolierbarer Weise gestört wird, sich hier umzukehren: hier stören die Kleinen die Großen, indem sie deren Kohärenz, deren Wellenfunktion, zerstören. Jedenfalls deutet sich hier an, dass zu einem umfassenden Verständnis der Welt die Subjekt-Objekt-Trennung aufgehoben werden muss! Dekohärenz beseitigt auch den unschönen "Kollaps" der Schrödinger-Gleichung bei einer Messung. Es gibt nur noch eine einheitliche Quantenwelt ohne irgendwelche künstliche Brüche zwischen Groß und Klein, Messobjekt und Messgerät bzw. Beobachter, Schrödeinger-Gleichung und "Kollaps".
Allerdings ist damit noch längst nicht alles gelöst. Ein Zitat von Erich Joos:

Diese Ableitung klassischer Eigenschaften aus der Quantenmechanik bleibt jedoch in einem entscheidendem Punkt unvollständig: Die Ambiguität der quantenmechanischen Dynamik (unitäre Schrödinger-Dynamik versus indertimistischem Kollaps) bleibt unaufgelöst…..Die obigen Betrachtungen zeigen lediglich, daß gewisse Objekte einem lokalen Betrachter klassisch erscheinen (und definieren damit, was ein klassisches Objekt ist). Ungelöst bleibt die zentrale Frage der Quantentheorie: Warum gibt es in einer nichtlokalen Quantenwelt überhaupt lokale Beobachter? (aus Joos.E: Philosophia Naturalis 27 (1990), Heft1)

Mit Hilfe der Dekohärenz-Theorie ist eine vollends befriedingende Lösung des Messproblems auch deshalb noch nicht gelungen, weil z.B. nicht erklärt werden kann, weshalb bei einer Messung eine ganz bestimmte Möglichkeit zum Faktum wird. Man kann aber wohl sagen, dass die Dekohärenz-Theorie auf dem richtigen Weg zur Deutung der Quantenphysik ist.

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3. Der Beobachter (wir !)
Der Wahrscheinlichkeitscharakter der Quantenvorgänge wird durch die Schrödinger-Gleichung beschrieben. Findet jedoch eine Messung statt, dann "kollabiert" die durch die Schrödinger-Gleichung beschriebene Wellenfunktion, und aus der Wahrscheinlichkeit wird Gewissheit. Dieser abrupte Übergang wird von vielen Physikern als unschön empfunden, obwohl der Vorgang mathematisch durchaus korrekt ist.
Aus meinem Artikel "Zeit und Bewusstsein" möchte ich nochmals C.F.v. Weizsäcker aus seinem Werk "Zeit und Wissen" zitieren:

In der Vergangenheit gibt es nur Fakten, diese sind diskret und irreversibel. In der Zukunft gibt es nur Möglichkeiten, diese sind kontinuierlich und potentiell reversibel.
In der Gegenwart finden Ereignisse statt, diese verwandeln Möglichkeiten in Fakten, wobei das potentielle Kontinuum der Möglichkeiten durch einen irreversiblen Vorgang verloren geht. Unser Bewußtsein, das Bewußtsein des Individuums, befindet sich immer in der Gegenwart.


Eine Messung findet in der Gegenwart statt. Aus den vielen sich aus den Quanten-Wahrscheinlichkeiten ergebenden Möglichkeiten wird jetzt eine Möglichkeit verwirklicht und zum Faktum, alle anderen Möglichkeiten verfallen (wenn man mal Everesst Viele-Welten-Theorie außer acht lässt). Die Richtung der Zeit ist hiermit vorgegeben. Die Verbindung zur Entropie findet über die hierbei stattfindende Abnahme der Information statt.
An Vergangenes können wir uns erinnern. In meinem Artikel "Selbst-Reflexion" habe ich dazu geschrieben:

Erinnern ist ein zeitlicher Rückgriff auf in der Vergangenheit Erlebtes und Gedachtes, das in meinem räumlichen Gehirn gespeichert ist. Es findet hier eine Aufspaltung der Raumzeit in mein räumliches Gehirn und meine zeitliche Erinnerung statt. Erst dieser Vorgang ermöglicht es mir, mich selbst zu erkennen!

Dieser doppelte Vorgang: Aufspaltung der Raumzeit in Raum und Zeit, und Trennung der Zeit in Vergangenheit und Zukunft, ist die Grundlage des folgenden Abschnitts:

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4. Konstruktivismus und Quantenphysik
Unter Konstruktivismus bezeichnet man eine Weltauffassung, die maßgeblich von dem chilenischen Neurobiologen Maturana formuliert wurde ("Der Baum der Erkenntnis"). Ich beziehe mich hier hauptsächlich auf den Neurobiologen Gerhard Roth von der Uni Bremen. Hier einige Zitate aus seinem Buch "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" (1996):
Roth schreibt auf S.332: Das wirkliche Gehirn bringt keinen Geist hervor, und das reale Gehirn, welches mitsamt der Wirklichkeit Geist hervorbringt, ist mir unzugänglich.
und auf S.329:
Dasjenige Gehirn, das mich hervorbringt, ist mir selbst unzugänglich, genau wie der reale Körper, in dem es steckt, und die reale Welt, in welcher der Körper lebt. Daraus folgt zugleich: Nicht nur die von mir wahrgenommenen Dinge sind Konstrukte in der Wirklichkeit, ich selbst bin ein Konstrukt. Ich komme unabweisbar in dieser Wirklichkeit vor. Dies bedeutet, daß das reale Gehirn eine Wirklichkeit hervorbringt, in der ein Ich existiert, das sich als Subjekt seiner mentalen Akte, Wahrnehmungen und Handlungen erlebt, einen Körper besitzt und einer Außenwelt gegenübersteht.
In meinem Artikel "wer bin ich?" habe ich das Beispiel mit dem schmerzenden Daumen gebracht, bei dem in Wahrheit das Schmerzempfinden in meinem Gehirn stattfindet, der Daumen also im Gehirn abgebildet wird, aber als Teil meines Körpers wahrgenommen wird.
Aus den obigen Zitaten geht hervor, wie Roth zwischen "Realität" und "Wirklichkeit" unterscheidet. "Wirklich" ist das, was wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen. Da unsere Sinnesorgane aber nur einen Teil der Welt erfassen können, steht hinter dem Ganzen eine für uns nicht gänzlich zugängliche "Realität". Unsere Sinneswahrnehmungen haben unser Denken in der frühen Kindheit geprägt. Da wir aber in einer Makrowelt aufgewachsen sind, in der Quanteneffekte nicht vorkommen, ist es nicht verwunderlich, dass uns die Realität der Quantenwelt so fremdartig vorkommt. Wirklich ist nur das Messergebnis.
Kommen wir auf das in Kapitel 3 gesagte zurück. Dort hieß es, dass wir, um überhaupt bewusst leben zu können, die Raumzeit in Raum und Zeit trennen müssen. Dann sind wir in der Lage, uns an wirklich Erlebtes zu erinnern. Wir erinnern uns aber nur an Fakten, die aus Möglichkeiten entstanden sind. Diese Fakten werden umgehend Vergangenheit. Betrachten wir das Ganze aber aus der Perspektive der ungetrennten Raumzeit, dann sind die Fakten der Vergangenheit keineswegs verloren, sondern an bestimmten raumzeitlichen Koordinaten weiterhin vorhanden.
Wenn wir jetzt die Nicht-Lokalität der Quantenwelt betrachten und die Raumzeit mit ihren Fakten, zu denen auch unser Gehirn gehört, dann müsste es doch ausreichen, wenn in unserem Gehirn nur die raumzeitlichen Koordinaten der erlebten Fakten, und passende Stichworte dazu, gespeichert würden.
Unser Gedächtnis wäre dann vergleichbar mit einer Index-Datei, wie wir sie aus der Datenbanktechnik kennen. Ein derart aufgebautes Gehirn würde Speicherplatz sparen, und hätte einen schnellen Zugriff, und da die Natur auf Effektivität bedacht ist, könnte es doch so sein.
Möglicherweise schweift unser Gedächtnis auch mal umher und wird dann in jenem Bereich der Raumzeit fündig, den C.G. Jung als das "Kollektive Unbewusste" bezeichnet hat. Auch die vermeintlichen Erinnerungen an angebliche "Frühere Existenzen" könnten damit gedeutet werden. Z.T. könnten damit wohl auch Träume gedeutet werden.

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5. Quantenphysik und Mystik
Durch die Nicht-Lokalität von Quanteneigenschaften könnte jemand geneigt sein, hier eine Begründung für mystische Erfahrungen zu finden. Hierzu möchte ich auf das Motto meiner homepage verweisen:

Laotse, Beginn des Dao De Jing (um 400 v.Chr.):
Das TAO, das sich aussprechen lässt,
ist nicht das ewige TAO !

............

Ludwig Wittgenstein, Ende des tractatus logico philosophicus (1918):
Wovon man nicht sprechen kann,
davon muss man schweigen !


Grundsätzlich lässt sich Mystik mit keiner wissenschaftlichen Theorie begründen. Man hat eine mystische Erfahrung, oder auch nicht. Allerdings kann man die Aussagen der Quantentheorie, wie vieles andere auch, auf sich wirken lassen. Das könnte Einfluss auf die Art unserer mystischen Erfahrungen haben.

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O.K. ich bin Elektro- und Informatik-Ingenieur. Ich denke allerdings, dass eine Zusammenarbeit zwischen Quantenphysikern und Neurobiologen sehr fruchtbar sein könnte.
( letzte Änderung: 28.08.2006)

Empfohlene Literatur:
Brian Greene: Der Stoff, aus dem der Kosmos ist. Siedler 2004
Kurt Bräuer: Gewahrsein, Bewusstsein und Physik. Logos 2005
Thomas Görnitz: Quanten sind anders. Spektrum 2006
Gerhard Roth: Das Gehirn und seine Wirklichkeit. suhrkamp taschenbuch 1996
Spektrum der Wissenschaft, August 2003

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