Hans Joachim von Hörsten

Aphorismen und Essays

Impressum

Wer bin ich ?
Bewusstsein
Religion und Mystik
NICHTS
Unsere Bedeutung im Weltall
Zeit 
 Zeit in der Naturwissenschaft
 Zeit und Bewusstsein
 Lebenszeit
Werden und Vergehen im NICHTS
Entweder-Oder

Kirillow
Zwei Mysterien
Entropie und Evolution
Zwei Grundsätze für unser Zusammenleben
wahrnehmen und empfinden
Selbst-Reflexion
Freier Wille
Leben nach dem Tod ?
Teilen statt Horten !
Alles Zufall ?
Perspektiven der Wirklichkeit
Realität und Quantenwirklichkeit


Wer bin ich ?

Die Menge der Menschen, die es bisher gegeben hat, und die es z.Z. gibt, ist abzählbar endlich.
Am 9.Juni 1938, kurz vor Mitternacht, wurde in einem Rotterdamer Krankenhaus ein Exemplar dieser Spezies Mensch geboren, und ausgerechnet dieser Mensch Nr. X..... ist mit meinem subjektiv empfundenen "Ich bin" gekoppelt. Ist das nicht eigenartig?
Worin unterscheide ich mich von anderen Menschen? Meine Gene sind zwar einmalig, aber da es eineiige Zwillinge gibt, die durchaus unterschiedliche Menschen sind, kommen die Gene für die Individualisierung nicht in Frage.
Was mich jedoch durchaus von allen anderen Wesen unterscheidet, ist meine Historie.
Nur reicht das zur Erklärung aus?
Angenommen, ich würde mein Gedächtnis verlieren, und müsste ganz von vorne anfangen. Wäre ich dann noch "Ich", oder wäre ich gestorben, und in meinem Körper würde jetzt jemand anderes wohnen?
Was wäre z.B., wenn am Tage meiner Empfängnis eine andere Spermie die Eizelle befruchtet hätte, wäre ich dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es nicht?
Vielleicht ist unser Selbstbewusstsein nur möglich, indem wir uns ständig neu erschaffen. Wir bauen auf unsere Historie auf, nur kommt in jedem wachen Augenblick etwas Neues hinzu. Und dieses Neue sind nicht nur die jeweils neuen Erfahrungen, sondern auch das immer wieder neu erfahrene "ich bin". Søren Kierkegaard beschreibt in "Entweder-Oder der absoluten Wahl" den Prozess der Selbstannahme als einen feierlichen Moment. Ich glaube, dass dieser Prozess im Wachzustand im Unbewussten permanent stattfindet, solange wir leben. Einem neugeborenen Kind wird wohl zunächst die Welt als ein einziger Wirrwarr erscheinen. Es lernt jetzt allmählich, die verschiedenen Sinneseindrücke zu koordinieren. Allmählich erschafft sich das Neugeborene aus den äußeren Sinneseindrücken seine Welt (siehe auch das nächste Kapitel "Bewusstsein"). Nur zu dieser Welt gehört auch das Neugeborene selbst. Indem es sich jetzt als dazugehörig erlebt, nimmt es sich selbst an, und dieser Prozess wird dann das ganze Leben lang fortgeführt. Wir werden nicht nur ständig neu geboren, sondern wir erschaffen uns auch ständig neu. Da wir uns aber nur dann neu erschaffen können wenn es uns auch gibt, liegt dem Ganzen ein zirkulärer Prozess zugrunde.
Ein Kind, das gerade sprechen gelernt hat, nennt seinen Vornamen, wenn es über sich selbst spricht: "Klaus will das haben!". Dann kommt eines Tages der entscheidende Moment, dass es ICH sagt, wenn es über sich selbst redet. Aus einfachem Bewusstsein ist Selbstbewusstsein geworden!
Das Selbstbewusstsein ist in seiner Stärke kulturabhängig. Mitglieder einer Stammesgesellschaft identifizieren sich sehr stark mit dem Stamm; der Einzelne hat hier nicht die Bedeutung wie in unserer modernen westlichen Individual-Gesellschaft. Wir sind i.a. stolz auf unseren Individualismus, ob wir aber wirklich glücklicher sind als ein Stammesmitglied sei dahingestellt.
Selbstbewusstsein gibt es möglicherweíse in rudimentärer Form auch bei einigen anderen Primaten. Schimpansen und Bonobos können sich nach einiger Übung im Spiegel erkennen (Das bin ja Ich!), Gorillas schaffen das nicht. Nun muss sich die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis aber nicht unbedingt auf den Gesichtssinn beschränken. Was empfindet ein Hund, wenn er feststellt, dass die Markierung am Baumstamm vor dem Hause von ihm selbst stammt (Ein Kunststück, das vermutlich keinem Menschen gelingen wird!)?
Selbsterkenntnis ist nicht gleich Selbstbewusstsein, sondern eine Voraussetzung dafür. Selbstbewusstsein entsteht, indem man über das Erkannte nachdenkt! Ob das außer uns Menschen auch anderen Lebewesen gelingt, wissen wir nicht.
Zu bedenken ist, dass wir uns unsere Welt erschaffen, die aufgrund der Funktionen unserer Sinnesorgane und unseres Gehirns nur eine Interpretation einer "Welt der Dinge an sich" (Kant) sein kann. Wie diese "Welt der Dinge an sich" beschaffen ist, entzieht sich unserer Vorstellung. Durch naturwissenschaftliche Experimente ist aber eine partielle mathematische Beschreibung möglich, die beim Auftreten von Widersprüchen korrigiert oder erweitert werden muss (man denke nur an das "annus mirabillis" 1905).
Gerhard Roth in "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" (1996) unterscheidet zwischen Realität und Wirklichkeit : Das reale Gehirn erschafft sich seine Wirklichkeit (Konstruktivismus). Ein Beispiel: Angenommen, ich versuche einen Nagel in die Wand zu schlagen. Ich verfehle den Nagel, und treffe meinen Daumen. Was passiert? Die Schmerz-Sinneszellen des Daumens senden Signale über Nervenbahnen an das für den Daumen zuständige Hirnareal. Daraufhin feuern dort Neuronen. Nicht aber im Gehirn spüre ich den Schmerz, sondern im Daumen. Nach Roth erzeugt sich mein reales Gehirn aus den Sinneswahrnehmungen meine wirkliche Welt, zu der auch mein Körper mit dem schmerzenden Daumen, und sogar mein wirkliches Gehirn selbst mit den feuernden Neuronen gehört. Das, was in meinem Gehirn auf Grund meiner Sinneswahrnehmungen abgebildet wird, erscheint mir als meine Welt.
Roth schreibt auf S.332: Das wirkliche Gehirn bringt keinen Geist hervor, und das reale Gehirn, welches mitsamt der Wirklichkeit Geist hervorbringt, ist mir unzugänglich.
und auf S.329:
Dasjenige Gehirn, das mich hervorbringt, ist mir selbst unzugänglich, genau wie der reale Körper, in dem es steckt, und die reale Welt, in welcher der Körper lebt. Daraus folgt zugleich: Nicht nur die von mir wahrgenommenen Dinge sind Konstrukte in der Wirklichkeit, ich selbst bin ein Konstrukt. Ich komme unabweisbar in dieser Wirklichkeit vor. Dies bedeutet, daß das reale Gehirn eine Wirklichkeit hervorbringt, in der ein Ich existiert, das sich als Subjekt seiner mentalen Akte, Wahrnehmungen und Handlungen erlebt, einen Körper besitzt und einer Außenwelt gegenübersteht.
Man kann auch sagen: Niemand kann sich am eigenen Schopf aus dem Wasser ziehen, oder präziser mit Gödel (wohl dem größten Genie des 20. Jahrhunderts):
Ein System kann nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit verwendet werden.
Es könnte durchaus sein, dass wir zur Beschreibung des Ich-Bewusstseins vor ähnlichen Problemen stehen wie die Logiker mit der Antinomie vom Lügner:
Epinemides der Kreter behauptete: "alle Kreter sind Lügner". Ist er nun selber auch ein Lügner, oder sagt er die Wahrheit?
Gödels Unvollständigkeitssatz:
Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig!
könnte durchaus auch in entsprechender Form für das Ich-Bewusstsein gelten.
Dieser Satz ergibt sich aus folgendem Problem:
Die Aussage:
Diese Aussage ist wahr, aber nicht beweisbar!
kann falsch sein. Dann wäre sie beweisbar, würde aber etwas falsches beweisen.
Sie ist wahr genau dann wenn sie nicht beweisbar ist! Das ist genau die Unvollständigkeit eines formalen Systems. Nur wer außerhalb des Systems steht, kann feststellen, ob die Aussage wahr ist. Innerhalb des Systems ist die Aussage nicht beweisbar.
Wir könnten danach unser eigenes Dasein (ebensowenig wie das Sein überhaupt) prinzipiell nie vollständig begreifen, weil wir (wie bei Epinemides) in eine "seltsame Schleife" geraten.
Oder mit LaoTse:

Das TAO, das sich aussprechen lässt
ist nicht das ewige TAO
Der Name, der sich nennen lässt
ist nicht der ewige Name.
Nichtsein nenne ich den Anfang von Himmel und Erde
Sein nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur unterschiedlich durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

Mein Körper Nr. X hat seine einzigartige Historie. Nur als Begründung für mein ICH reicht das nicht aus. Wenn mein Körper nicht ICH, sondern mein Bruder wäre, und mich gäbe es nicht, dann hätte er auch seine Historie, und für einen Außenstehenden wäre die Frage völlig irrelevant. Um MICH zu begreifen, muss mein ICH in irgend einer Weise mit dem Körper Nr. X gekoppelt sein, und bleibt bis zum Tode des Körpers Nr. X mit diesem verbunden. Nur wie findet die Kopplung zwischen meinem ICH und dem Körper Nr. X statt? Woher kommt überhaupt das ICH? Dass es MICH gibt, ist wohl genau so erstaunlich wie die Tatsache, dass es überhaupt etwas gibt.
Die brahmanische Gleichung:

BRAHMAN = ATHMAN

(Gott und Seele sind eins) wird hier deutlich. Buddha ging dann noch weiter, indem er beide Seiten der Gleichung strich, und zu dem Ergebnis kam:

N I R V A N A

Siehe hierzu auch das Kapitel Zeit
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was Meister Eckhard hierüber schreibt (aus Quint: Deutsche Predigten und Traktate, Predigt 32: "Armutspredigt"):
So denn sagen wir, daß der Mensch so arm dastehen müsse, daß er keine Stätte sei noch habe, darin Gott wirken könne. Wo der Mensch (noch) Stätte (in sich) behält, da behält er noch Unterschiedenheit. Darum bitte ich Gott, daß er mich Gottes quitt mache; denn mein wesentliches Sein ist oberhalb von Gott, sofern wir Gott als Beginn aller Kreaturen fassen. In jenem Sein Gottes nämlich, wo Gott über allem Sein und über aller Unterschiedenheit ist, dort war ich selber, da wollte ich mich selber und erkannte mich selber (willens), diesen Menschen (= mich) zu schaffen. Und darum bin ich Ursache meiner selbst meinem Sein nach, das ewig ist, nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist. Und darum bin ich ungeboren, und nach der Weise meiner Ungeborenheit kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ich ewig bleiben. Was ich meiner Geborenheit nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich; darum muß es mit der Zeit verderben. In meiner (ewigen) Geburt wurden alle Dinge geboren, und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge; und hätte ich gewollt, so wäre weder ich noch wären alle Dinge; wäre aber ich nicht, so wäre auch "Gott" nicht: daß Gott "Gott" ist, dafür bin ich die Ursache; wäre ich nicht, so wäre Gott nicht "Gott".
Nachdem er nach diesem Höhenflug wieder hinter seiner Kanzel gelandet war, und die fassungslosen Gesichter der Zuhörer sah, fügte er noch an: Dies zu wissen ist nicht not.
(Letzte Änderung: 09.12.06)

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Bewusstsein

Ich weiß, dass ich bin. Diese Tatsache wird als Bewusstsein bezeichnet. Dabei stellen sich folgende Fragen:

  • wann während des evolutionären Prozesses entstand Bewusstsein?
  • ist Bewusstsein nur auf das Wissen vom Sein bezogen, oder auch auf ein "Empfinden" des Seins?
  • welche Gehirnprozesse sind notwendig, damit Bewusstsein entsteht?
  • was ist nun eigentlich Bewusstsein?
  • Bewusstsein und Kunst
  • bewusstes Handeln
    Es ist wohl kaum anzunehmen, dass während der evolutionären Entwicklung des Menschen schlagartig der Mensch Bewusstsein erlangte. Wenn nun reines Wissen vom Sein zum Bewusstsein führt, dann müsste der Mensch sich im Laufe seiner evolutionären (und wohl auch persönlichen) Entwicklung sich seines eigenen Seins immer bewusster geworden sein. Es ist aber anzunehmen, dass auch andere Wirbeltiere (und vielleicht nicht nur Wirbeltiere) irgend eine Ahnung ihres Seins haben. Als leidensfähige Wesen empfinden sie ihr Sein. Man kann also wohl sagen, dass sich Bewusstsein evolutionär von einem dumpfen Empfinden des Seins bis hin zum Wissen des eigenen Seins entwickelt, und dass sich diese Entwicklung beim einzelnen Individuum im Laufe seines Lebens noch fortsetzt. Mit dem Tod erlischt dann das Bewusstsein, der Entwicklungsprozess des Bewusstseins kann aber durch eine Krankheit vorzeitig beendet werden. Durch den Tiefschlaf (oder während einer Bewusstlosigkeit) wird das Bewusstsein vorübergehend unterbrochen.
    Um Bewusstsein zu erlangen, ist offensichtlich das Gehirn erforderlich. Nur könnte ein Lebewesen durchaus funktionieren, wenn es wie ein Automat einfach nur auf äußere Reize reagieren würde. Bewusstsein ist dem Farbempfinden vergleichbar. Ein Automat könnte reagieren, wenn er eine Wellenlänge von 680 nm empfangen würde. Wir aber empfinden in dem Falle die Farbe rot. 8 % aller Männer sind rot-grün-blind. Es ist unmöglich, einem solchen Menschen zu beschreiben, wie die Farbe rot aussieht. Man stelle sich vor, es gäbe eine mit Intelligenz versehene Fledermausart, die sich mit uns unterhalten könnte, und uns klar zu machen versucht, uns ihre mit ihrem Echolotprinzip erfahrene Welt klarzumachen, wir würden vermutlich nichts begreifen.
    Emil Du Bois-Reymond, einer der Begründer der experimentellen Physiologie, stellte 1872 im Rahmen eines berühmten Vortrages mit dem Titel "über die Grenzen des Naturerkennens" fest:
    "Ich werde jetzt, wie ich glaube, in sehr zwingender Weise dartun, dass nicht allein bei dem heutigen Stand unserer Kenntnis das Bewusstsein aus seinen materiellen Bedingungen nicht erklärbar ist, was wohl jeder zugibt, sondern dass es auch der Natur der Dinge nach aus diesen Bedingungen nicht erklärbar sein wird."
    Diese pessimistische Prognose ist trotz aller informationstheoretischer und gehirnphysiologischer Erkenntnisse in der jüngeren Vergangenheit bis heute nicht widerlegt. (Zitat aus Wikipedia)
    Eines geht aus dem Gesagten jedenfalls hervor: Bewusst wird uns nicht die Welt "an sich", sondern wir bilden uns aus den Sinnesreizen unsere Welt. Die Umwelt sendet uns die Wellenlänge 680 nm, daraufhin werden die entsprechenden Zäpfchen in unserm Auge angeregt. Diese senden über die Nervenbahnen Signale an bestimmte Hirnregionen, und daraus entsteht die Farbempfindung rot. Wir erschaffen uns unsere Welt, indem wir sie wahrnehmen. Nun ergibt sich (nach Maturana: "Der Baum der Erkenntnis") eine paradoxe Zirkularität: Wir erkennen, wie sich unser Sein aus einem materiellen Ausgangsstoff entwickelt, aber dieser Ausgangsstoff existiert selbst erst durch das Endprodukt der Entwicklung, nämlich unsere geistige Vorstellung. Die Erkenntnis der Entwicklung unseres Seins in dieser Welt ist so höchstens die verzerrte Widerspiegelung oder der Schatten eines Geschehens, zu dem wir in unserem Sein und in unserer Welt keinen Zugang haben.
    Bewusstsein setzt Empfinden voraus. Von daher besteht auch ein Zusammenhang zur Kunst. Kein Automat würde irgend etwas beim Hören der c-moll-Messe von Wolfgang Amadeus Mozart empfinden, selbst wenn er alle Töne der Messe analysieren würde. Es besteht für ihn deshalb keine Veranlassung, Kunst zu produzieren, ganz im Gegensatz zum Menschen.
    Eine Merkwürdigkeit ist auch die Tatsache, dass zumindest alle Wirbeltiere (zu denen wir ja auch gehören) einen ähnlichen "Geschmack" haben. Wir empfinden den Gesang der meisten Vögel als schön. Nur singt der Vogel ja nicht für uns, sondern um seinem Weibchen zu gefallen. Man kann nun versuchen, den Begriff Schönheit physikalisch zu erklären, im Falle des Gesangs zum Beispiel durch den Zusammenhang bestimmter Obertöne. Nur dann wäre atonale Musik keine Kunst. Kunst ist sicherlich viel mehr, als nur ein physikalisch und physiologisch erklärbares Phänomen. Sie steht im Zusammenhang mit unserem Bewusstsein, und mit dem daraus folgenden bewussten Handeln.
    Durch den Zusammenhang zwischen Bewusstsein und bewusstem Handeln sind wir für unser Handeln verantwortlich. Zwar werden viele unserer Handlungsweisen von unserer Triebstruktur gelenkt. Nur wir Menschen wissen um diesen Zusammenhang, und daraus erwächst unsere Verantwortung für unser Handeln.
    (Letzte Änderung: 20.01.05)

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    Religion und Mystik

    Nicht wie die Welt ist,
    ist das Mystische,
    sondern daß sie ist.

    Ludwig Wittgenstein

    Religion, von Re-ligio = Rückverbindung mit Gott, ist eine theistische Auffassung der Welt mit einem persönlichen Schöpfergott (Dualismus). Eine solche Gottesauffassung wirft immer die Frage der Theodizee auf, die Büchnersche Frage: "warum leide ich?". Man kann es auch mit Heinrich Heine sagen:

    Laß die heil‘gen Parabolien,
    laß die frommen Hypothesen
    suche die verdammten Fragen
    ohne Umschweif uns zu lösen.

    Warum schleppt sich blutend, elend,
    unter Kreuzlast der Gerechte,
    während glücklich als ein Sieger
    trabt auf hohem Roß der Schlechte?

    Woran liegt die Schuld? Ist etwa
    unser Herr nicht ganz allmächtig?
    Oder treibt er selbst den Unfug?
    Ach, das wäre niederträchtig.

    Also fragen wir beständig,
    bis man uns mit einer Handvoll
    Erde endlich stopft die Mäuler
    aber ist das eine Antwort?

    Ein Gott, der eine Welt geschaffen hat, in der einer den anderen auffrisst? Oder der, wie in Südasien, mal eben 300 000 Menschen in den Orkus spült?
    Die Quellen religiöser Weisheiten sind den Menschen mitgeteilte Offenbarungen, die meist schriftlich niedergelegt sind. Das führt dazu, dass es verschiedene voneinander abweichende Offenbarungen gibt. Religionen sind eine der häufigsten Kriegsursachen. Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass die offenbarten Weisheiten i.a. als unumstößliche Wahrheiten angesehen werden. Einerseits klammert der einzelne Mensch sich ängstlich an seine heilsversprechende Religion (die ja meistens dieselbe ist, in die er hineingeboren wurde), andererseits kann gerade diese Tatsache von den Herrschenden hervorragend für Machtzwecke ausgenutzt werden.
    Mystik ,von myein = Augen schließen (um danach um so klarer zu sehen), bedeutet Spiritualität, die von innen kommt. Mystik ist somit ein individueller Zugang zur Spirituallität, ganz im Gegensatz zur Religion, die von außen aufgezwungen wird. Mystische Schulen vermitteln deshalb nur Methoden, und keine Inhalte. Jeder findet seine Wahrheit in sich selber (Monismus).
    Es gibt verschiedene mystische Schulen, die z.T. schon vor mehreren tausend Jahren entstanden sind. Die Methoden sind aber im Prinzip bei allen ähnlich, und bestehen im Reduzieren und Loslassen. An einem Ausspruch von Meister Dogen (1200 - 1253) über den Zen wird das veranschaulicht:

    Zen studieren bedeutet,
    sich selbst studieren.
    Sich selbst studieren bedeutet,
    sich selbst vergessen.
    Sich selbst vergessen bedeutet,
    in Harmonie zu sein mit allem,
    was uns umgibt.

    Für uns Abendländer ist wohl der Zugang zur Mystik über Meister Eckhard (1260 - 1328) am einfachsten. Als Beispiel mögen hier Zitate aus Predigt 32 (aus Josef Quint : Deutsche Predigten und Traktate) verwendet werden:
    In Predigt 32 geht es um Matthäus 5-3 , einem Teil der Bergpredigt: "Selig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich des Himmels".
    Eckhard stellt jetzt die Frage, was geistliche Armut sei, und kommt zu dem Ergebnis, das sei ein armer Mensch, der nichts will und der nichts weiß und der nichts hat.

  • Der Mensch sei so ledig seines Willens, dass er nicht einmal den Willen hat, Gottes Willen zu erfüllen.
  • Der Mensch sei so ledig seines Wissens, dass er nicht einmal weiß, dass Gott in ihm wirksam ist.
  • Der Mensch sei so ledig seines Habens, dass er nicht einmal eine Stätte in sich habe, in der Gott wirksam ist.
    An anderer Stelle schreibt Eckhard:
    "Darum bitten wir Gott, dass wir Gottes ledig werden und dass wir die Wahrheit dort erfassen und ewiglich genießen, wo die obersten Engel und die Fliege und die Seele gleich sind ... ".
    Die Methode des Reduzierens und Loslassens wird anhand dieser Eckhard-Zitate besonders deutlich. Reduziert wird auf einen inneren Kern, der dann losgelassen wird, und am Ende bleibt NICHTS.

    Als ich mal in den Bergen Rast machte, schaute ich zum Gipfel hinauf. Der Himmel war wolkenlos, nur am Gipfel entstand immer mal wieder ein Wölkchen, zog mit dem Wind weiter, und löste sich wieder auf; und es entstand wieder ein Wölkchen ....
    (Letzte Änderung: 10.01.05)

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    Nichts

    Vorweg wieder einmal Meister Eckhart (Quint, Predigt 42):
    Denn liebst du Gott, wie er Geist, wie er Person und wie er Bild ist, - das alles muß weg. Du sollst ihn lieben wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch : wie er ein lauteres, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts.
    Die Mystik hat uns zum NICHTS geführt. Was für ein NICHTS ist das aber, denn wir existieren ja, also sind wir doch etwas? Was oben gezeigt wurde, ist die absolute Armut in der Form des Habens. Wer nichts hat, kann sich auch an nichts anklammern. Wenn wir unser Leben haben, werden wir uns auch ans Leben klammern, uns vor dem Tod fürchten. Wenn wir unser Leben als ein einfaches Sein empfinden, gibt es keinen Grund für eine Angst vor dem Tode. Haben bewegt sich in der Zeit, und ist dem Vergehen unterworfen. Durch Reduktion und Loslassen reduzieren wir uns auf unseren zeitlosen Kern, den wir mit unseren geläufigen Begriffen nur als NICHTS bezeichnen können, weil uns die entsprechenden Begriffe fehlen. Buddhisten bezeichnen dieses NICHTS als NIRVANA, das sie auch nicht näher definieren.
    Hierzu ein sehr interessanter Aufsatz unter Marburger Forum 2003 Heft 1: Eckhart-Diskussion und im selben Heft: Claudia Altmeyer: Das übervolle Nichts - Der Gottesbegriff bei Meister Eckhart.
    Ich erinnere mich an einen Forschungsbericht, den ich vor vielen Jahren im Radio gehört habe. Dort wurde berichtet, dass Amazonas-Indianern, die völlig abgelegen lebten, ein Film vom Stadtleben von New York vorgeführt wurde. Anschließend wurden sie gefragt, was sie denn gesehen hätten. Antwort : NICHTS !
    Interessanterweise haben Physik und Kosmologie auch ihre Probleme mit dem NICHTS. Hier entpuppt sich das NICHTS nämlich als ein Potential für ungeahnte Energie-Mengen. Aus der Heisenbergschen Unschärfebeziehung: Energie mal Zeitintervall ist gleich oder größer der Planckschen Konstante h, ergibt sich, dass im Vakuum innerhalb sehr kurzer Zeitintervalle riesige Energie-Mengen spontan entstehen können. Es handelt sich um Materie-Antimaterie-Teilchen, die sich anschließend wieder vernichten. Während einer endlichen Zeit entsteht hier etwas, das dann wieder vergeht. Die Energie der Teilchen wird dabei aus dem NICHTS geborgt, und anschließend wieder an dieses zurückgegeben. Genau genommen handelt es sich bei diesem physikalischen NICHTS nur um ein raumzeitliches Vakuum. Es gibt allerdings Vermutungen, dass unser Weltall mitsamt seiner Raumzeit und Materie durch eine "Quanten-Fluktuation" aus dem realen NICHTS entstanden ist.
    Es ist doch erstaunlich, dass Physik und Mystik bezüglich des NICHTS zu ganz ähnlichen Ergebnissen gelangen, obwohl ihre Ausgangspunkte doch völlig unterschiedlich sind.
    Das Weltall entstand aus dem NICHTS, und wird wohl auch wieder ins NICHTS eingehen.
    Im ersten Kapitel hatten wir gesehen, dass Roth's Realität auch als NICHTS interpretiert werden kann, das dann Geist und Bewusstsein hervorbringt ("konstruiert"). Und unser eigenes bewusstes "ich bin" könnte vom NICHTS "geborgt" worden sein, an das es eines Tages zurückgegeben werden muss.
    Alles ist aus NICHTS entstanden, und wird wieder zu NICHTS werden. Und da auch die Zeit aus dem NICHTS entstanden ist, und wieder ins NICHTS eingehen wird, können wir als ganzes nicht von einem zyklischen Prozess reden, sondern nur von einem ewigen Geschehen.
    (Letzte Änderung: 13.03.05)

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    Unsere Bedeutung im Weltall

    Vor ca. 14 Milliarden Jahren entstand das Weltall, wohl aus einem winzigen raumzeitlichen Kügelchen mit dem Durchmesser der sog. Planck-Dimensionen, und inzwischen hat es sich auf eine unermessliche Größe aufgebläht, und dabei eine Hirarchie von Strukturen aufgebaut: grob betrachtet Galaxienhaufen, Galaxien, Sterne und Planeten. Und auf einem (oder vielleicht auch mehreren) winzigen Staubkörnchen in dieser Unermesslichkeit gibt es Leben. Für das Weltall ist es völlig belanglos, ob es uns gibt oder nicht, dem übrigen Leben auf der Erde würde es ohne uns Menschen sogar besser gehen. Für das Leben auf der Erde ist der Mensch eine Katastrophe!
    Wir wissen, dass das Leben auf der Erde begrenzt ist. Irgendwann entstanden erste Lebensformen, sehr spät erst entstanden wir Menschen, und spätestens, wenn die Sonne durch Verbrauch ihres Brennstoffs sich dem Ende zuneigt, wird sie sich nochmal aufbäumen, und die Erde verschlucken, bis sie dann ganz erlischt. Wir bilden in dem Ganzen nur eine Episode, kosmologisch gesehen sogar eine äußerst unbedeutende.
    Und trotzdem leben wir hier und jetzt als empfindende Wesen, die unsere Umwelt wahrnehmen können, die uns freuen können, die leiden können, und die über unser Dasein nachdenken können.
    Betrachten wir doch mal, was eigentlich alles notwendig ist, damit es uns überhaupt geben kann: zunächst muss es einen Planeten geben mit der richtigen materiellen Zusammensetzung, der in einem geeigneten Abstand um einen Stern geiegneter Größe kreist. Alle diese Größen müssen sich in sehr engen Grenzen bewegen, damit Leben überhaupt möglich ist. Bei der riesigen Anzahl von Sternen und Planeten gibt es eine von Null abweichende Wahrscheinlichkeit, dass so etwas entstehen kann.
    Ein viel tiefergehendes Problem ist die Tatsache, dass die Zusammensetzung der Materie und die zur Entstehung notwendigen Naturgesetze keine Selbstverständlichkeit sind. Es ist vielmehr so, dass eine sehr genaue Feinabstimmung der Naturkonstanten notwendig ist, damit die Welt so ist, wie sie ist. Diese Tatsache wird als "antropisches Prinzip" bezeichnet. Dazu aus John Barrow and Frank Tipler: The anthropic Cosmolological Principle:
    Nicht nur, dass der Mensch in das Universum hineinpasst. Das Universum passt auch zum Menschen. Man stelle sich ein Universum vor, in dem sich irgendeine der grundlegenden dimensionslosen physikalischen Konstanten in die eine oder andere Richtung um wenige Prozent verändern würde ? in einem solchen Universum hätte der Mensch nie ins Dasein kommen können. Das ist der Dreh- und Angelpunkt des antropischen Prinzips. Gemäß diesem Prinzip liegt dem gesamten Mechanismus und dem Aufbau der Welt ein die Existenz von Leben ermöglichender Faktor zugrunde. (Zitat aus Wikipedia)
    Es lassen sich Dutzende von Beispielen dieser Feinabstimmungen der Naturkonstanten aufführen. Das Eigenartige ist ja dabei, dass dieser nahezu unwahrscheinliche Zustand der Feinabstimmungen dazu geführt hat, dass ich hier sitze und den Text eintippe. Wäre es anders, dann gäbe es keine Menschen, die darüber nachdenken könnten.
    Einen interessanten Standpunkt zum Antrophischen Prinzip nimmt Kurt Bräuer in seinem Buch "Gewahrsein, Bewusstsein und Physik" ein. Auf S.207 schreibt er:

    Die Quelle der Physik ist unser alltägliches Welterleben und daraus ergeben sich alle physikalischen Details auf logische Weise einfach und unmysteriös. Die Eigenschaften der physikalischen Kräfte und die Feinabstimmungen der Naturkonstanten ergeben sich als logische Konsequenz aus der Art unserer Welterfahrung.

    Ausgangspunkt ist für Bräuer also die Tatsache unserer Existenz, die nicht weiter hinterfragt wird. Daraus ergibt sich folgerichtig, dass wir uns gar keine andere Wirklichkeit erschaffen (konstruieren) können als diejenige, in der wir auch leben können.
    Bei der Lösung des Problems der Antropischen Prinzips fallen mir drei Möglichkeiten ein:

  • Es wird eine Weltformel gefunden, aus der hervorgeht, dass die Welt gar nicht anders sein kann, als sie ist.
  • Unsere Welt ist nur eine von Vielen ("Viele-Welten-Theorie"), und in unserer sind die Bedingungen zufällig so, dass es uns geben kann.
  • Man findet in einer "gödelschen" Beweissführung, dass das Problem grundsätzlich nicht gelöst werden kann.
    Die erste Möglichkeit ist unter Kosmologen am beliebtesten. Es stellt sich hier natürlich die Frage, wer sich die Formel ausgedacht hat.
    Die zweite Möglichkeit ist irgendwie "billig", denn wer genügend oft im Lotto spielt, wird wohl auch irgendwann gewinnen. Bei undendlich vielen Welten würde es sogar unendlich viele bewohnbare Welten, und unendlich viele Alter Egos von jedem von uns geben. Da wir grundsätzlich keine Möglichkeit hätten, mit einer der anderen Welten Kontakt aufzunehmen, ist die zugrunde liegende Theorie auch nicht falsifizierbar.
    Die dritte Möglichkeit tritt ein, wenn es sich nachweisen lässt, dass Gödels Satz: "Ein System kann nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit verwendet werden" auf das gesamte Weltall bezogen werden kann.
    Wir müssen wohl davon ausgehen, dass hinter dem allen ein Sinn steckt. Es wäre aber sicher vermessen anzunehmen, dass das gesamte Weltgeschehen einzig auf unsere Existenz hinzielt, wie es im sog. "Starken Antropischen Prinzip" behauptet wird. Man stelle sich den Aufwand vor: 13,7 Milliarden Jahre nach dem Urknall bildet sich auf einem oder auch mehreren winzigen Staubkörnchen im All Zivilisationen, die dann nach einigen tausend Jahren wieder verschwinden, und danach geht es wieder Milliarden von Jahren ohne Zivilisationen bis zum Wärmetod oder wie auch immer weiter. Es kann nur so sein, dass ALLES einen Sinn hat, und unser Dasein als Zivilisation oder als Einzelner bilden in dem Ganzen nur eine Episode. Wir gehören zwar dazu, aber sicher nicht mit besonderen Privilegien. Und auch auf dieser Erde sind wir nur eine Spezies unter anderen.
    Was bleibt uns zu tun? Mitleid mit und Liebe zu allen leidensfähigen Wesen sollte unser Handeln bestimmen. Unser eigenes Leben ist ein kostbares Gut, mit dem wir während unserer begrenzen Lebensspanne behutsam umzugehen haben. Darüberhinaus sollten es wir zur Aufgabe machen, alles daran zu setzen, das Leid aller empfindsamen Lebewesen zu vermindern, und Freude zu fördern. Voraussetzung dafür ist auch ein schonender Umgang mit unserem Mutterplaneten Erde. All das haben die großen Weisheitslehrer der Menschheit, allen voran wohl Buddha und Jesus, der Menschheit schon vor über zweitausend Jahren verkündet.
    Staunen und Neugierde zeichnet alle höheren Tiere einschließlich uns Menschen aus. Wer nicht mehr staunen kann, und wem der Drang abhanden gekommen ist, etwas neues zu erfahren, der hat im Grunde aufgehört zu leben. Dabei ist es gerade uns Menschen gegeben zu begreifen, dass jede neue Erkenntnis wiederum neue Fragen aufwirft, und das anscheinend ohne Ende. Wir haben also keinen Grund, jemals mit dem Staunen und dem Neugierigsein aufzuhören. Zu bedauern ist derjenige Mensch, der meint, alles zu wissen. In einem gewissen Sinne sollten wir bis zu unserem Lebensende Kinder bleiben.
    (Letzte Änderung: 24.12.06)

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    Zeit

    Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt....
    Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico philosophicus 6.4311

    Zeit in der Naturwissenschaft:
    Betrachten wir zunächst, was die Physik über die Zeit zu sagen hat. Zunächst fällt auf, dass die Gleichungen der Physik zeitsymmetrisch sind, dass heißt sie machen keinen Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das widerspricht jedoch scheinbar unserer Alltagserfahrung. Wir wissen, dass unser individuelles Dasein mit der Geburt (bzw. der Vereinigung von Ei- und Samenzelle, je nachdem was wir unter "Dasein" verstehen) beginnt, und dass es eines Tages enden wird. Wir wissen auch, dass die Wirkung eines Geschehens immer der Ursache folgt, und nie umgekehrt. Aus der Thermodynamik kennen wir den Begriff Entropie. Es ist ein Maß für die in einem System herrschende Ordnung. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass jede Ordnung mit der Zeit in Unordnung übergeht. Die Entropie ist nun so definiert, dass sie mit steigender Unordnung ebenfalls steigt, und einem Maximum zustrebt. Nun können wir in unserem inzwischen ziemlich verlodderten Zimmer zwar wieder Ordnung schaffen. Nur dazu müssen wir Energie aufbringen. Man kann nun zeigen, dass die Entropie zwar lokal gesenkt werden kann, globat aber immer steigt, weil jeder Energieaufwand Wärme erzeugt, was immer mit einer Entropie-Zunahme verbunden ist. Die Entropie erzeugt somit einen Zeitpfeil in Richtung Zukunft. Wenn alle Energien ausgeglichen sind, hat die Entropie ihr Maximum erreicht, und es erfolgt der "Wärmetod".
    Ein gegenläufiger Prozess zur Entropie ist die der Welt innewohnende Evolution, zunächst in der unbelebten, dann in der belebten Natur. Evolution schafft Ordnung, und verbraucht Energie. Dadurch steigt mit der evolutionären Entwicklung auch die Entropie. Da aber die Entropie die Tendenz zur Unordnung hat, kann die Evolution nur ein Maximum erreichen, um danach allmählich wieder zu zerfallen (wie es ja auch bei jedem Individuum geschieht).
    Der Widerspruch wird aufgehoben, wenn wir zeitgerichtete Vorgänge, wie Entropie, Evolution, und evtl. auch die Expansion des Weltalls, als Vorgänge betrachten, die in der Zeit in nur einer Richtung ablaufen können. Die Zeit selbst bleibt dabei ohne Richtung, sie hat die Funktion einer Koordinate.
    Zu bedenken ist allerdings, dass uns die Kosmologen immer neue Überraschungen bescheren. Mit jeder neuen Erkenntnis eröffnen sich wie bei einer Hydra eine Schar neuer Fragen. Es könnte also auch sein, dass sich die Welt ganz anders entwickelt, als wir uns das bisher vorgestellt haben.
    Newton ging noch von einer globalen gleichmäßig ableufenden Zeit aus. Nun haben sich um die Jahrhundertwende 1800/1900 gewisse Widersprüche ergeben. Insbesondere konnte man die Tatsache, dass sich Licht völlig unabhängig vom Bewegungszustand der Lichtquelle und des Lichtempfängers immer mit gleicher Geschwindigkeit bewegt, nicht deuten, bis Einstein 1905 seine spezielle Relativitätstheorie entwickelte (nach Vorarbeiten insb. von Lorenz und Poincaré). Danach gelten in allen gleichförmig bewegten Systemen die gleichen Naturgesetze, was zunächst plausibel erscheint. Nur gilt für alle Systeme auch die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, und dazu ist es notwendig, die Begriffe Raum und Zeit völlig neu zu definieren. Raum und Zeit beziehen sich damit nur auf ein bestimmtes System, in einem anderen gleichförmig bewegten System ergeben sich andere Werte für Raum und Zeit. Vom ruhenden Standpunkt aus gesehen werden Längenmaßstäbe kürzer, und Uhren gehen langsamer. Nur da jemand im bewegten System von sich aus behaupten kann, er befinde sich in Ruhe, und wir bewegen uns, kann er behaupten, dass es sich mit den Längen- und Zeitmaßstäben genau umgekehrt verhält. Zeit und Raum sind relative Begriffe, abhängig vom Bewegungszustand der beiden Systeme Beobachter und Beobachteter. Jedes System mit allem was sich ruhend darin befindet (einschließlich uns selber) besitzt seine eigene Zeit ("Eigenzeit") und seine eigenen Raum-Maßstäbe!
    Minkowsky hat die Relativitätstheorie in eine mathematische Form gebracht, indem er eine vierdimensionale Raum-Zeit-Welt formulierte. Darin bewegen sich ruhende Beobachter mit Lichtgeschwindigkeit entlang der Zeitachse. Bewegt sich ein Objekt im Raum, dann beträgt der Wert der Resultierende aus den Geschwindigkeiten in Raum und Zeit der Lichtgeschwindigkeit, weil sich kein Objekt schneller als das Licht bewegen kann. Das kann aber nur geschehen, wenn die Zeit für das bewegte Objekt langsamer läuft. Ein Photon (Lichtteilchen) bewegt sich im Raum immer mit Lichtgeschwindigkeit, und es bleibt nichts mehr übrig für eine Geschwindigkeit entlang der Zeitachse. Ein Photon ist zeitlos. Wir als ruhende Beobachter bewegen uns also mit Lichtgeschwindigkeit entlang der Zeitachse, und ein Photon bewegt sich im Raum mit Lichtgeschwindigkeit, und ruht in der Zeit. Wäre die Lichtgeschwindigkeit unendlich groß, dann würde alles auf einmal geschehen, es gäbe dann keine Zeit.
    Einstein hat die Relativitätstheorie, die zunächst nur für konstante Bewegungen galt, später dann zur allgemeinen Relativitätstheorie erweitert, deren Grundlage die Gleichheit von schwerer und träger Masse ist. Hierbei wird die Raumzeit durch Massen (bzw. Energien) derart gekrümmt, dass ein Körper sich immer auf der kürzesten möglichen Bahn bewegt. So wie ein Auto auf der Erdoberfläche der Erdkrümmung folgt, so bewegt sich die Erde auf der kürzestmöglichen Bahn um die Sonne.
    Jemand werfe einen Ball mit einer Hand, und fange ihn mit der anderen Hand wieder auf. Der Vorgang möge 1 Sekunde dauern, und die Hände einen Abstand von 1 Meter haben. Da der Ball einen eleganten Bogen beschreibt, werden wir uns wundern, dass die Raumzeit auf der kurzen Strecke von 1 Meter so stark gekrümmt ist. Wenn wir aber bedenken, dass in einer Sekunde das Licht sich 300 000 km weit bewegt hat (weil die Lichtgeschwindigkeit 300 000 km/s beträgt), hat sich der Ball in der vierten Dimnsion, der Zeitachse, 300 000 km bewegt. Wenn wir den vom Ball beschriebenen Bogen auf diese Strecke beziehen, erscheint die Krümmung auf einmal minimal.
    Ein weiteres Gedanken-Experiment: Ein Fallschirmspringer springt aus sehr großer Höhe aus dem Flugzeug. Er trägt einen Sender mit Mikrofon und Kopfhörer mit sich, und hat Kontakt zu einem Beobachter auf der Erdoberfläche. Beide haben die Möglichkeiten, Geschwindigkeiten zu messen. Der Erdbeobachter teilt jetzt dem Fallschirmspringer mit, dass er ja immer schneller wird, also beschleunigt wird, und wohl Beschleunigungskräfte spüren muss. Der Fallschirmspringer behauptet aber, er verspüre gar keine Kräfte, sei völlig schwerelos (von Luftreibung einmal abgesen), der Beobachter auf der Erde rase aber immer schneller auf ihn zu, werde also beschleunigt, und müsse Kräfte verspüren. Der Beobachter auf der Erde wird dann zugeben müssen, dass er tatsächlich auf den Erdboden gedrückt wird.
    Was aber beschleunigt uns? Die Erde bläht sich ja nicht auf. Es ist auch hier wieder die vierte Dimension, die Zeit, die diese Beschleunigung bewirkt. An diesem Beispiel ist sehr schön die Äquivalenz von Gravitation und Beschleunigung zu erkennen.
    Wir wissen heute, dass auch das Weltall einen Anfang hat. Es ist in einem "Urknall" entstanden, und dehnt sich seitdem ständig aus. Nach Hawking ist auch die Zeit in diesem Urknall erst entstanden, so dass sogar die Zeit selbst im Urknall vor ca. 13,7 Millarden Jahren "geboren" wurde.

    Zeit und Bewusstsein
    Ich nehme immer nur Verganges wahr. Wenn ich mir die Sterne anschaue, ist diese Tatsache evident. Das Licht der Sterne benötigt immer eine lange Zeit, bis es die Erde erreicht. Die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit bringt es mit sich, dass wir nur einen Teil des Weltalls beobachten können. Dieser beobachtbare Bereich nimmt in jedem Jahr um ein Lichtjahr zu. Wir schauen also mit der Zeit immer tiefer in die Vergangenheit.
    Aber auch die Fliege auf meiner Nase wird mir erst nach einiger Zeit bewusst, wobei hier nicht nur die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit eine Rolle spielt, sondern auch zeitliche Vorgänge in meinem Nervensystem.
    Meine Wahrnehmung geschieht anscheinend so, dass ich unbewusst ständig mein "Buch der Erinnerungen" durch Hinzufügen erweitere, und anschließend nachschaue, was zuletzt hineingeschrieben wurde. Was dort steht, ist einmalig in der Welt, ist also meine ganz private Angelegenheit! Und hier könnte der Schlüssel zum Phänomen der Selbstannahme, und somit zur Bildung meines selbst empfundenen "ich bin" sein, wie im ersten Kapitel Wer bin ich? beschrieben.
    Kommen wir noch einmal auf dieses Kapitel zurück:
    Gerhard Roth in "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" (1996) unterscheidet zwischen Realität und Wirklichkeit : Realität entspricht dabei in etwa dem Kant'schen "Ding an sich". Das reale Gehirn erschafft sich seine Wirklichkeit (Konstruktivismus). Noch mal unser Beispiel: Angenommen, ich versuche einen Nagel in die Wand zu schlagen. Ich verfehle den Nagel, und treffe meinen Daumen. Was passiert? Die Schmerz-Sinneszellen des Daumens senden Signale über Nervenbahnen an das für den Daumen zuständige Hirnareal. Daraufhin feuern dort Neuronen. Nicht aber im Gehirn spüre ich den Schmerz, sondern im Daumen. Im Gehirn findet eine Abbildung und gleichzeitige Interpretation der Realität mit meinem schmerzenden Daumen statt. Und an der für den Daumen zuständigen Stelle im Gehirn melden die Neuronen "Schmerz!". Dieses Abbild erscheint mir als meine Wirklichkeit. Nur wenn dieses Bild der Wirklichkeit in meinem Gehirn aufgebaut worden und mir dadurch bewusst geworden ist, hat sich die Realität schon wieder geändert, weil eine gewisse Zeit vergangen ist. Physikalisch habe ich mich auf der Zeitachse um mehrere km weiterbewegt (z.B. in 1 ms um 300 km). Uns wird also immer nur die Vergangenheit bewusst, wir können nie erfahren, was gerade jetzt geschieht.
    Meine Wirklichkeit ist aber nur eine Interpretation der Realität, und zwar in seiner Gesamtheit. Nicht nur, dass wir eine Wellenlänge von 680 nm als die Farbe "rot" interpretiere, sondern auch die Zeit selbst ist eine Interpretation der Realität. Die Realität ist wohl so beschaffen, dass wir etwas herausfiltern können, das wir als Zeit interpretieren. Von daher ist wohl auch der Widerspruch zu verstehen zwischen den zeitsymmetrischen physikalischen Gesetzen, und unserer Alltagserfahrung mit seiner gerichteten Zeit. (auch die Merkwürdigkeiten der Quantenphysik sind auf diese "Filterwirkung" zurückzuführen. Je nachdem, wie wir messen, erscheint uns ein Elektronen- oder Lichtstrahl mal als Wellenbewegung, und mal als Teilchenstrahlung. In der Realität gibt es diesen Widerspruch nicht.)
    Unser Gehirn ist einem Film vergleichbar, zu dem ständig Neues hinzukommt. Unmittelbar wird uns immer nur das zuletzt aufgenommene Bild bewusst, Erinnern bedeutet, nach Bildern der Vergangenheit zu suchen, und uns diese bewusst zu machen. Nur das wieder bewusst gewordene Bild wird neu an den Film angehängt. Ein "Zurückspulen" des Films, und damit ein Zurück in die Vergangenheit, um von da an vielleicht neu anzufangen, ist nicht möglich. Was geschehen ist, das ist geschehen! Unser Leben läuft unabwendbar von der Vergangenheit in die Zukunft, von der Geburt bis zum Tod!
    Mit der Entropie hatten wir ein Maß für den Prozess von der Ordnung zur Unordnung gefunden, das der Zeit eine Richtung gibt. Entropie ist dabei so definiert, dass sie einem Maximum zustrebt, wenn alle Energien ausgeglichen sind, wenn also die höchstmögliche Unordnung erreicht ist. Global steigt während meiner Lebensspanne die Entropie, gilt etwas ähnliches aber auch für mein persönliches Leben in dem Sinne, dass meine Lebens-Entropie bei der Geburt am geringsten ist, dann ständig steigt, um im Tode ein Maximum erreicht zu haben? Dann müsste etwas in mir sein, das bei der Geburt eine hohe Ordnung aufweist, die dann mit der Zeit ständig abnimmt, so dass die Lebens-Entropie entsprechend zunimmt.
    Ein weiteres Beispiel für die Richtung des Zeitpfeiles ist die Expansion des Weltalls. Wenn uns nun aber die wirkliche Zeit nur aus einer Interpretation der Realität bewusst wird, dann wären "Entropie" und "Expansion des Weltalls" nur Erscheinungen der Wirklichkeit, in der Realität hätten diese Begriffe, und damit auch die Zeit selbst, keinen Sinn.
    Auf einen weiterer Aspekt der Zeit weist C.F.v.Weizsäcker in "Zeit und Wissen" hin:
    In der Vergangenheit gibt es nur Fakten, diese sind diskret und irreversibel.
    In der Zukunft gibt es nur Möglichkeiten, diese sind kontinuierlich und potentiell reversibel.
    In der Gegenwart finden Ereignisse statt, diese verwandeln Möglichkeiten in Fakten, wobei das potentielle Kontinuum der Möglichkeiten durch einen irreversiblen Vorgang verloren geht. Unser Bewußtsein, das Bewußtsein des Individuums, befindet sich immer in der Gegenwart.

    Die Möglichkeiten der Zukunft sind allerdings begrenzt und spezifisch. Es gibt in der Zukunft keine Möglichkeit, mich um ein Jahr zurückzuversetzen. Alle Möglichkeiten der Zukunft umschließen die Tatsache des Alterns, und an den Enden aller Möglichkeiten wartet der Tod.
    Es drängt sich die Frage auf, wieweit die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit hier eine Rolle spielt. Ich beobachte z.B. durch ein Teleskop einen Stern, der 1 Million Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Ein Jahr später beobachte ich den Stern erneut und stelle fest, dass er sich inzwischen zu einer Supernova aufgebläht hat. Da mein Bewusstsein sich immer in der Gegenwart befindet, ist das entscheidende Ereignis die von mir gemachte Wahrnehmung. Als ich den Stern aber vor einem Jahr beobachtete, schien er noch ganz normal, obwohl er bereits vor einer Millionen Jahren explodiert war. Seine Zukunft war somit von meinem Standpunkt aus zu diesem Zeitpunkt bereits festgelegt. - Ich nehme an, dass in dem erwähnten (leider preislich nicht für jeden erschwinglichen) Werk eine Erklärung über diesen Sachverhalt gegeben wird.
    Noch eine Besonderheit ist zu beachten: Wenn unsere Individulität durch unsere Historie gegeben ist, also durch das, was wir in der Vergangenheit erlebt haben, dann muss es für unsere Individualisierung die Zeit bereits gegeben haben. Nun bin ich es aber ja selber, der meine eigene Zeit "konstruiert". Damit habe ich als Nicht-Individuum die Bedingung erschaffen, die eine Individualisierung erst ermöglicht. Nur bin ich als Nicht-Individuum ja noch nicht "ich". Der zufällige Körper Nr. X schafft sich aufgrund seiner Fähigkeiten die Bedingungen zur Individualisierung. Zu fragen ist dabei, wie es sein kann, dass mein Körper Nr. X zu einem bestimmten Zeitpunkt geboren wird, wo er doch selber erst die Zeit "konstruiert", nachdem er geboren worden ist. Die Antwort lautet, dass der Körper sich die "wirkliche" Zeit aus der Realität erschafft, die uns zwar unzugänglich ist, aber zumindest so beschaffen sein muss, dass daraus abgeleitet werden kann, dass ich mich in meinem Geburtsdatum von anderen unterscheide.
    Siehe hierzu auch die am Ende des ersten Kapitels Wer bin ich? angeführte Stelle aus Meister Eckhards "Armutspredigt".
    Wir "Westler" sehen die Zukunft vor uns, und wir versuchen sie zu gestalten; die Vergangenheit liegt hinter uns. Es gibt allerdings Völker, z.B. die Aimara in den bolivianischen Anden, bei denen jemand, der über die Zukunft (das Ungewisse) redet, hinter sich zeigt, während er die Vergangenheit (das Erreichte) vor sich sieht. Wir versuchen, den Lauf der Dinge zu steuern, während die Aimara sich viel stärker den Möglichkeiten der Zukunft überlassen.

    Lebenszeit
    Wir erschaffen uns unsere Wirklichkeit. Mit Hilfe unserer Sinnesorgane und unseres Nervensystems richten wir uns eine Wirklichkeit ein, in der wir uns optimal zurechtfinden. Zu dieser Wirklichkeit gehören aber auch Raum, Zeit und Materie. All das existiert für uns nur während unseres Daseins. Ein "Danach" nach dem Tode kann es deshalb nicht geben, weil mit uns auch unsere Zeit "stirbt".
    Die am Beginn dieses Aufsatzes gestellte Frage, wie mein subjektives "ich bin" mit meinem zufälligen Körper zusammenhängt, ist dadurch allerdings nicht beantwortet. Das oben Beschriebene bezieht sich auf unseren zufälligen Körper, nicht auf mein subjektives "ich bin". Dieses scheint vielmehr im Bereich der "ontologischen Wirklichkeit" (Ernst von Glasersfeld, "Realität" bei G.Roth) angesiedelt zu sein, die unserem Verstand unzugänglich ist (und deshalb einfach NICHTS ist). Unsere Wirklichkeit ist in die "ontologische Wirklichkeit" eingebettet. Der zufällige Körper Nr. X "borgt" sich gewissermaßen etwas aus der "ontologischen Wirklichkeit", dem NICHTS, das er verübergehend zu seinem subjektiv empfundenen "ich bin" individualisiert, und gibt es mit dem Tode an dieses zurück. (Etwas Ähnliches kennen wir ja bereits bei den Quantenfluktuationen des Vakuums im Kapitel NICHTS).
    Doch bewegen wir uns hier natürlich im Bereich der Spekulation. Der Zusammenhang zwischen unserem zufälligen Körper und unserem subjektiven "ich bin" wird wohl immer rätselhaft bleiben. Das Rätselhafte unseres Daseins ist es aber, das unser Leben lebenswert macht. Wie langweilig wäre das Leben, wenn wir alles wüssten, wenn alles erklärbar wäre, wenn es keine unlösbaren Geheimnisse gäbe!
    (Letzte Änderung: 09.10.06)

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    Werden und Vergehen im NICHTS

    Nach Hawking und anderen Kosmologen ist das Weltall mitsamt Raum, Zeit und Materie vor ca. 13,7 Milliarden Jahren aus NICHTS entstanden. Es "borgt" sich gewissermaßen seine Bestandteile aus dem NICHTS, und wird diese wohl auch auf eine noch unbekannte Weise wieder ans NICHTS zurückgeben. Während seiner Existenz findet vermutlich eine ständige Wechselwirkung mit NICHTS statt; das Weltall ist nicht isoliert jenseits des NICHTS.
    Mit unserer eigenen Existenz verhält es sich wohl ganz ähnlich. Ein Körper mit gewissen artspezifischen Funktionen wird geboren. Betrachten wir zunächst einmal einen normal entwickelten Menschen, der Einfachheit halber mich selber. Ich wurde geboren, und ich weiß, dass es mich gibt, und dass ich einmalig in der Welt während einer bestimmten Zeitspanne lebe. Seit Einstein wissen wir, dass jeder seine Eigenzeit besitzt, und die Wirklichkeitsforscher ("Konstruktivisten", u.a. Maturana, Varela, v.Glasersfeld, v.Förster, Watzlawick, Gerhard Roth) konnten zeigen, dass wir uns selber mit unserem Gehirn aus unseren Sinneswahrnehmungen unsere Welt erschaffen. Ich erschaffe damit auch meine Zeit. Diese Zeit existiert nur während meines Daseins, und verlischt mit meinem Tod.
    Nun stellt sich immer noch die anfängliche Frage: weshalb bin ich ICH, und nicht z.B. mein Bruder, und mich gäbe es dann nicht. Für einen Außenstehenden ist diese Frage völlig irrelevant. Da ist einfach ein Irgendwer. Für mich ist diese Frage aber von existentieller Bedeutung.
    Das Wissen, dass es mich gibt, könnte man als Selbt-Bewusstsein bezeichnen. Nur Bewusstsein setzt Geist (im Sinne von Intellekt) voraus. Nun ist aber auch jedes Tier einmalig, ohne darüber nachzudenken. Deshalb kann Geist nicht zur Deutung der individuellen Existenz infrage kommen. Es muss etwas anderes sein, das in mir und in jedem von uns vom niederen Tier bis zum Menschen die Individualität bestimmt. Dieses Etwas, nennen wir es Seele, dürfte wohl auch in einer ständigen Wechselwirkung mit NICHTS stehen. Es ist das Ewige in uns, das vor unserer Existenz da war, und das nicht mit uns stirbt, sondern bleiben wird. Unser zufälliger Körper erschafft sich aus NICHTS vorübergehend seine Individualität, die mit dem Tode wieder vergeht, und was bleibt, ist NICHTS.
    Wir könnten jetzt meinen, dass unser Leben im Grunde eine sinnlose Angelegenheit sei. Es ist solange sinnlos, wie wir unserem Leben nicht selber einen Sinn geben. Das Leid jedes Lebewesens ist auch unser Leid. Sinnlos wäre es deshalb, diese Tatsache zu ignorieren, sich in eine Klause zu begeben, und meditierend auf seinen Tod zu warten (ein vorübergehender Klausen-Aufenthalt kann allerdings durchaus ratsam sein). Vielmehr sollten wir als tätige Menschen mithelfen, eine leidfreiere Welt anzustreben, wodurch wir zu politisch aktiven Menschen werden.
    Alle unsere Erinnerungen sind zeitlich. Sie werden mit unserem Tode und dem damit verbundenen Zerfall unseres Gehirns vergehen. Das Bleibende, unsere Seele, ist NICHTS. Dieses NICHTS ist es, das z.B. Zen-Meditierende zu erahnen versuchen.
    Unser vergänglicher Körper macht uns vorübergehend aus NICHTS zum Individuum. Das allumfassende NICHTS, unsere Seele, ist das Gemeinsame und Verbindende in allen Kreaturen. Jede Gewaltanwendung gegen eine Kreatur ist eine Gewaltanwendung gegen mich selbst, und jede Wohltat für andere füge ich mir auch selber bei. Somit erwächst aus dem Wissen vom allumfassenden NICHTS der Antrieb zum ethischen Handeln.
    (Letzte Änderung: 02.06.05)

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    Entweder-Oder

    Kierkegaard: Das Entweder-Oder der absoluten Wahl (Auszüge):
    ... Wenn da um einen her alles still geworden, feierlich gleich einer sternklaren Nacht, wenn die Seele allein ist in der ganzen Welt, da zeigt sich vor ihr nicht ein hervorragender Mensch, sondern die ewige Macht selbst, da tut sich der Himmel gleichsam auf, und das Ich wählt sich selbst, oder richtiger, es empfängt sich selbst. Da hat die Seele das Höchste geschaut, das kein sterbliches Auge zu schauen vermag, und das sie niemals vergesssen kann, da empfängt die Persaönlichkeit den Ritterschlag, der sie für eine Ewigkeit adelt. Der Mensch wird nicht ein anderer denn er zuvor gewesen ist, nein er wird erselbst; das Bewusstsein schließt sich zum Ringe, und er ist erselbst. Gleich wie ein Erbe, und wäre er auch Erbe aller Schätze der Welt, diese gleichwohl nicht besitzt, ehe er denn mündig geworden ist, ebenso ist auch der Mensch mit der reichsten Persönlichkeit ein Nichts, ehe denn er sich selbst gewählt hat, und auf der anderen Seite ist sogar ein Mensch, den man etwa die dürftigste Persönlichkeit nennen möchte, alles, wenn er sich selbst gewählt hat; denn das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein; und das vermag ein jeder Mensch, so er will ...
    (Letzte Änderung: 25.08.16)

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    Dostojewski : Aus dem Roman Die Dämonen (Kapitel :Fremde Sünden VIII):

    ....
    Kirillow: Die volle Freiheit wird dann da sein, wenn es dem Menschen ganz egal sein wird, ob er lebt oder nicht. Das ist das Ziel für die Gesamtheit.
    Erzähler: Das Ziel? Aber dann wird vielleicht niemand mehr leben wollen?
    K: Nein niemand.
    E: Der Mensch fürchtet den Tod, weil er das Leben liebt, und so hat es die Natur gewollt.
    K: Das ist gemein, und hierin liegt der Betrug. Das Leben ist Schmerz, das Leben ist Furcht, und der Mensch ist unglücklich. Jetzt ist der Mensch noch nicht der richtige Mensch. Es wird einen neuen Menschen geben, einen glücklichen und stolzen Menschen. Wem es ganz egal sein wird, ob er lebt oder nicht, der wird ein neuer Mensch sein.

    .....

    Wohl jeder, der diese entsetzliche Aussage Kirillows liest, wird der Ansicht sein, dass Kirillow sich irrt. Doch wo irrt er? Die Aussage scheint doch so schrecklich logisch zu sein.
    Man denke an Büchners Prinzip: Das Leben ist Leiden, oder an Camus` Absurdität des Lebens (Es gibt nur ein ernsthaftes philosophisches Problem: der Selbstmord (in Der Mythos des Sisyphos)), dem er aber doch noch einen Sinn abzuringen versucht, indem der Mensch sein Schicksal auf sich nimm. Oder an Kafkas Romane und Erzählungen, an Hamlets Zweifel.
    Wie lösen wir dieses Dilemma? Wir werden in die Welt geworfen. Von einem bestimmten Alter an beginnen wir, über das Leben nachzudenken.
    Normalerweise hindert uns der Selbsterhaltungstrieb daran, sofort wieder in den Tod zu fliehen. Nur wird uns das irgendwann nicht mehr genügen.
    Das Leben ansich hat keinen Sinn. Wir können nur dann ein sinnvolles Leben führen, indem wir unserem Leben einen Sinn geben.
    Dieser Sinn kann vielfältig sein. Die meisten Menschen streben nach einem Maximum an Glück. Das führt zu einer ständigen Unzufriedenheit, denn es könnte ja noch mehr davon geben. Und auf dem Totenbett wird diesen Menschen ihr Leben schließlich doch irgendwie unnütz vorgekommen sein, so dass sie den Tod als ihren größten Feind ansehen werden. Außerdem wird diese Einstellung immer zu einer Ungerechtigkeit führen, denn der Stärkere, oder der mit den besseren Ausgangsbedingungen, wird auf Kosten der anderen sein Glück erstreben.
    Brecht:

    Ja renn nur nach dem Glück
    doch renne nicht zu sehr
    denn alle rennen nach dem Glück
    das Glück rennt hinterher

    Wir können uns auch in eine Klause zurückziehen, und in Andacht und Kontemplation den Tod erwarten. Aber ist das besonders sinnvoll?
    Wenn wir von dem Allheitsgedanken ausgehen, können wir unserem Leben nur den einen Sinn geben, das Leiden aller leidensfähigen Lebewesen zu minimieren. Das Leiden anderer ist auch unser eigenes Leiden, und das Glück anderer ist unser eigenes Glück. In diesem Sinne kann uns auch der Tod nicht schrecken. Geborenwerden bedeutet Übergang von der Allheit in die Individualität, und Sterben bedeutet Rückkehr in die Allheit. Immer bleiben wir mit allem verbunden.
    Wer aber nicht in der Lage ist, seinem Leben einen Sinn zu geben, dem muss der Selbsterhaltungstrieb wirklich als "Betrug der Natur" vorkommen. Der Weg kann dann nur noch entweder der radikale Hedonismus oder Selbstmord sein (oder beides in zeitlicher Reihenfolge).
    (Letzte Änderung: 15.01.06)

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    Zwei Mysterien

    Epikur: Der Tod geht uns nichts an, denn entweder ist der Tod da, dann sind wir nicht da, oder wir sind da, dann ist der Tod nicht da.
    Der Tod ist in der Tat höchst uninteressant. Das eigentlich Rätselhafte ist die Tatsache des Seins. Und hier konzentriert sich alles auf zwei Fragen:

  • warum gibt es überhaupt etwas ?
  • warum gibt es mich ?

    Wenn Søren Kierkegaard in "Das ewige Bewusstsein im Menschen" schreibt:

    Wenn kein ewiges Bewusstsein wäre im Menschen, wenn allem nichts als eine wild gärende Macht zugrunde läge, die, in dunklen Leidenschaften sich windend, alles hervorbrächte, was groß ist und was gering ist, wenn eine abgründliche Leerheit, nimmer sich sättigend, sich unter allem verbärge, was wäre dann das Leben andres als Verzweiflung?

    dann drückt er damit aus, dass die meisten Menschen sich mit einer reinen Zufälligkeit ihres Daseins nicht zufrieden geben können. Was Kierkegaard als "ewiges Bewusstsein" bezeichnet, würde ich als das transpersonale alles Verbindende bezeichnen, das nun wahrhaft "ewig" ist in dem Sinne, dass weder Raum noch Zeit noch Tod ihm anhaften. Insofern geht uns der Tod tatsächlich nichts an.
    Zweifel ist die Triebfeder unseres Denkens!
    Die Kunst besteht darin, zweifeln ohne zu verzweifeln.
    Die Naturwissenschaften vermitteln uns immer tiefere Einsichten in das Wesen der Natur. Doch werden sie die beiden oben angeführten Fragen wohl prinzipiell niemals beantworten können. Sie liegen außerhalb ihrer Zuständigkeit.
    Die Grenzen unseres Wissen-Könnens werden deutlich durch Gödels Unvollständigkeitssatz (weshalb ich Gödel für das Jahrhundert-Genie des letzten Jahrhunderts halte!).
    Die Aussage:
    Diese Aussage ist wahr aber nicht beweisbar!
    kann falsch sein. Dann wäre sie beweisbar, würde aber etwas falsches beweisen.
    Sie ist wahr genau dann wenn sie nicht beweisbar ist! Das ist genau die Unvollständigkeit eines formalen Systems. Nur wer außerhalb des Systems steht, kann feststellen, ob die Aussage wahr ist. Innerhalb des Systems ist die Aussage nicht beweisbar.
    Wir leben in einer Welt, die uns letztendlich unbegreiflich ist, und ebenso unbegreiflich ist es, dass ein zufällig an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit mit bestimmten Eigenschaften versehener in die Welt geworfener Körper mit meinem subjektiv empfunden "ich bin" gekoppelt ist.
    Wir können letztlich nur über das Dasein staunen !
    (Letzte Änderung: 13.03.06)

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    Entropie und Evolution

    Der Begriff "Entropie" wurde ursprünglich in der Thermodynamik von Clausius 1850 eingeführt, und später von Boltzmann erweitert. Er bedeutet nichts weiter, als dass Wärme nur von hörerer zu niedriger Temperatur fließen kann. Entropie ist nun so definiert, dass sie bei einem Wärmefluss nur steigen kann, und ihr Maximum dann erreicht hat, wenn ein vollständiger Temperaturausgleich stattgefunden hat. Somit kann man den 2.Hauptsatz der Wärmelehre auch einfach so definieren, dass in einem abgeschlossen System die Entropie nur zunehmen kann, und einem Maximum zustrebt. Kosmologisch bedeutet das, dass der Kosmos einem Endzustand zustrebt, an dem dann der "Wärmetod" eintritt (eine aus heutiger Sicht umstrittene Folgerung, weil wir über die Struktur des Kosmos, und die Vorgänge darin viel zu wenig wissen).
    Statistisch betrachtet kann man auch sagen, dass der unwahrscheinlichere Zustand der Ordnung mit der Zeit in den wahrscheinlicheren Zustand der Unordnung übergeht. Das bezieht sich auf Gasgemische unterschiedlicher Temperatur, die sich allmählich vermischen, aber auch z.B. auf die Ordnung auf meinem Schreibtisch. Nun kann ich natürlich lokal meinen Schreibtisch aufräumen, aber dafür muss ich Energie aufwenden, wodurch Wärmeverluste entstehen. Das führt in einem übergeordneten System unweigerlich zu einer Zunahme der Entropie.
    Auch die Informationstheorie benutzt den Begriff "Entropie" (Shannon). Die Worte dieses Artikels bestehen aus Buchstabenfolgen, die im deutschen einen Sinn ergeben. Nähme man sämtliche Buchstaben dieses Artikels, würfele sie durcheinander, und setzte sie beliebig neu zusammen, dann wäre der Informationsgehalt gleich Null. Die Informations-Entropie hat definitionsgemäß dann ihren höchsten Wert. Ordnet man die Buchstaben zu sinnvollen Wörtern, dann sinkt die Entropie. Dazu muss allerdings Energie aufgewandt werden, so dass die Entropie in einem übergeordneten geschlossenen System steigt.
    Mit der Evolution scheint es genau umgekehrt zu verlaufen wie mit der Entropie. Zunächst von Darwin nur auf das Leben angewandt, besagt das Evolutionsgestz, dass sich das Leben von einfachen Formen zu immer komplizierteren Formen entwickelt. Gleichzeitig findet eine Aufsplitterung in viele Arten statt. Um Letzterem Rechnung zu tragen, wurde die Formel "nur der Angepassteste überlebt" abgemildert in "der Unangepasste stirbt aus". Gleichzeitig fällt auf, dass jede Art nur eine begrenzte Lebensspanne hat, weil sich die äußeren Umstände laufend wandeln (siehe das Aussterben der Saurier). Der amerikanische Wissenschaftler Doyne Farmer sieht sogar die Herausbildung einer Informationsgesellschaft als Folge der Evolution an.
    Evolution findet aber auch in der unbelebten Natur, insbesondere auch im Kosmos statt. Aus ungeordneter Materie bilden sich immer kompliziertere Formen. Entropie und Evolution sind beide als der Materie innewohnend anzusehen. Beide legen einen Zeitpfeil in Richtung Zukunft fest.
    Betrachten wir den "normalen" Lebenslauf eines Menschen:
    Zunächst wird von bereits Vorhandenem etwas zusammengefügt, nämlich Ei- und Samenzelle. Beides sind einfache Gebilde, die allerdings reichlich Information im Erbgut enthalten. Unser Leben beginnt bereits mit niedriger Entropie. Jetzt entwickelt sich der Mensch im Mutterleib und nimmt dabei an Komplexität zu, was eine weitere Abnahme der Entropie, und eine gleichzeitige Zunahme der Evolution bedeutet. Bei der Geburt ist der Mensch weitgehend körperlich ausgebildet und nimmt danach an Körpergröße bis zu einem Endzustand zu. Nur in der Pubertät finden noch entscheidende Veränderungen statt. Da der Mensch aber laufend dazulernt, steigt der Informationsgehalt, und zwar in jungen Jahren wesentlich schneller als später. Im Alter tritt meistens eine gewisse "Vergesslichkeit" ein, der Informationsgehalt sinkt etwas. Mit dem Tod findet eine vollständige Vernichtung von Information statt. Übrig bleibt von uns ein Häufchen Asche oder etwas Humus, die Entropie nimmt rapide zu, und der Informationsgehalt sinkt auf Null. Der Tod ist offensichtlich ein weitaus einschneidenderes Ereignis als Zeugung oder Geburt, und führt zu einem Zustand vor der Entwicklung des Lebens auf der Erde. Offensichtlich siegt zum Schluss die Entropie über die Evolution. Evolution ist ein temporärer Vorgang, während die Entropie unbeirrt ihrem Maximum zustrebt. Wie ein Baum, der sich immer weiter verzweigt: an den Enden befinden sich Blätter, deren Schicksal es ist, nach einiger Zeit, während der sie den Baum mit Sonnenenergie versorgt haben, zu verwelken und abzufallen.
    Das ganze findet in der Zeit statt. Wenn wir nun konstruktivistisch denken und annehmen, dass wir die Zeit "konstruieren", dann können wir das nur, wenn wir bereits einen gewissen Entwicklungsstand erreicht haben (Ein Hinweis darauf ist die sog. "frühkindliche Amnesie", die Tatsache, dass wir uns an Geschehnisse vor dem 3.Lebensjahr nicht erinnern können). Somit sind wir selber Ursache unserer Zeitlichkeit. Das ist der Preis, den wir zahlen müssen, um als Menschen zu leben mit all useren spezifisch menschlichen Fähigkeiten. Mit unserem Tod "stirbt" auch die von uns konstruierte Zeit. Gleichzeitig hat aber auch die Entropie unseres Mikrokosmos Körper ihr Maximum erreicht. Kommt vielleicht allgemein innerhalb eines abgeschlossenen Systems beim Erreichen des Entropie-Maximums die Zeit zum Stillstand, erlangt es somit Ewigkeit? Zwei Physiker von der Universität Chicago,Sean Carroll und Jennifer Chen, haben ein ewig expandierendes Universum vorgeschlagen, dessen Entropie ständig zunimmt, und keinem Maximum zustrebt. Ein solches Universum würde immer weiter verdünnt werden. Es könnte aber Keime enthalten, aus denen durch Quanten-Fluktuationen neue Universen entstehen.
    Wenn wir nun einen spekulativen Analogie-Schluss von unserem "Mikrokosmos" auf den "gesamten" Kosmos vornehmen, dann müsste demnach der Kosmos aus etwas bereits Bestehendem entstanden sein, das reichlich Information enthielt, das aber noch eine einfache Form hatte. Die Expansion des Kosmos gibt diesem einen Zeitpfeil. Es findet Evolution statt, die zu immer komplexeren Formen führt.
    Die anfängliche niedrige Entropie, und damit hohe Ordnung des Kosmos wird heute i.a. mit der "Inflations-Theorie" gedeutet. Demnach sollte kurz nach dem "Urknall" der Kosmos in der unglaublich kurzen Zeit von   10-30 Sekunden um den unglaublichen Faktor  1040 expandiert sein (was der eigentliche Urknall wäre), um danach dann geruhsamer zu expandieren. Die Abstände anfänglicher durch Quantenfluktuationen entstandenen Keime wurden dabei auf große Entfernungen ausgedehnt, wodurch die geforderte anfängliche Ordnung geschaffen wurde.
    Für den "gesamten" Kosmos können wir nicht von "übergeordneten" Systemen mit einer Zunahme der Entropie, und von "untergeordneten" Systemen mit einer Zunahme der Evolution reden. Beides findet im Kosmos statt, von dem wir noch nicht einmal wissen, ob er geschlossen oder offen ist. In einem geschlossen Kosmos würde durch Evolution die Zunahme der Entropie zumindest verringert, wenn nicht gar aufgehoben oder vorübergehend sogar negativ werden. Da aber in einem geschlossen Kosmos irgendwann alle Energie-Differenzen aufgebraucht sind, kommt die Evolution zu einem Ende. Die Entropie hätte dann ihr Maximum erreicht, der "Wärmetod" wäre eingetreten (analog zu unserem eigenen Tod, s.o.). Für einen offenen Kosmos trifft diese Annahme nicht zu. Da wir aber über den Kosmos so wenig wissen, handelt es sich hier um reine Spekulation ... .
    Zu bedenken ist auch, dass bei einem "vollständigen Wärmetod" in einem geschlossen Universum sämtliche Energien aller vier Kraftfelder "aufgebraucht" sein müssten. Für die Gravitation bedeutet das den "big crunch", wobei wir nicht wissen, welchen Einfluss Einsteins kosmologische Konstante Lambda Λ (die möglicherweise garkeine Konstante ist) dabei hat, die dem "big crunch" ja entgegenwirkt. (Ein positiver Wert von Λ besagt, dass ein expandierender Raum Energie freisetzt, während bei einem negativen Wert die Expansion des Raumes Energie verbraucht. Λ ist proportional der Energiedichte des Raumes ρ und der Gravitationskonstante G).
    (Letzte Änderung: 13.01.06)

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    Zwei Grundsätze für unser Zusammenleben

    Im Herzen eines jeden Menschen
    gibt es Wahrheit
    und man muss sie dort suchen
    und sich von ihr leiten lassen,
    wenn man die Wahrheit sieht.

    Aber niemand hat das Recht,
    andere zu zwingen,
    nach seiner Sicht der Wahrheit zu handeln.


    (Mahatma Gandhi)

    Eine Forderung und eine Empfehlung genügen für ein friedliches Zusammenleben. Dazu bedarf es keiner zehn Gebote, und keines kategorischen Imperativs. Die Sache ist viel einfacher:

  • Füge keinem leidensfähigen Wesen ein Leid zu!
  • Bemühe dich, das Leid der leidensfähigen Wesen zu verringern!

    Für Menschen können wir davon ausgehen, dass unsere Mitmenschen ähnliche Empfindungen haben wie wir selber. Über die Leidensfähigkeit von Tieren können wir keine genauen Angaben machen. Wir können aber wohl davon ausgehen, dass die Leidensfähigkeit bei höheren Tieren (Säugetieren und Vögeln) der unsrigen am nächsten kommt.
    (Letzte Änderung: 12.11.05)

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    wahrnehmen und empfinden

    Ich gehe im Wald spazieren. Unverhofft stehe ich vor einer wunderschönen Blumen. In meinem Inneren regt sich eine tiefe Empfindung. Ich gehe nach hause, stelle mich vor eine Leinwand, und male die Blume aus meinem Gedächtnis. Je nachdem, wie gut meine Technik und mein Erinnerungsvermögen ist, erscheint nach einiger Zeit auf der Leinwand ein mehr oder weniger naturgeträues Abbild der Blume. Das Bild der Blume hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt, aber die Empfindung, die ich beim Anblick der Blume hatten, war spontan und ist nicht wiederholbar. Wahrnehmungen bewegen sich in der Zeit, Empfindungen sind zeitlos. Als empfindende Wesen enthalten wir somit einen zeitlosen, ewigen Kern.
    Man kann solch ein Erlebnis als "Erleuchtung" bezeichnen. Nur denkt man dabei wohl meistens an Meditation, wobei man dabei an Sitzen im Lotussitz denken mag, noch unterstützt von Mantra-Gemurmel.
    Ziel der Meditation ist also die Erlangung von "Erleuchtung", und der oben dargestellte Weg ist eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, aber nur eine von vielen.
    Nur was ist eigentlich "Erleuchtung"? Ich würde sagen, es geht um Wahrheitsfindung, und zwar das Finden jener Wahrheiten, die mit Hilfe naturwissenschaftlich-logischen Methoden grundsätzlich nicht gefunden werden können.
    In anderen Kapiteln, z.B. im Kapitel Selbst-Reflexion, habe ich gezeigt, dass die Welt wohl grundsätzlich nicht vollständig verstanden werden kann. "Erleuchtungen" sind unverhoffte Erfahrungen jenseits von Raum und Zeit. Zen-Buddhisten nennen so etwas "Satori".
    Wie oben beschrieben, habe ich solch eine "Erleuchtung" bei einem Spaziergang erfahren. Wenn wir nun bedenken, dass wir im Wachzustand immer etwas empfinden, so bedeutet "Erleuchtung" nichts weiter, als immer aufmerksam auf unsere Empfindungen zu achten. Dazu benötigen wir keine besonderen Übungen.
    Es gibt besonders tief erlebte "Erleuchtungen". Besonders in der Kunst treffen wir auf die Ergebnisse solcher Situationen. Es gibt besonders in der Musik Bachs und Mozarts Stellen, bei denen ich den Eindruck habe, dass hier beim Komponieren etwas entstanden ist, das nicht "aus dem Kopf" gekommen ist. Manchmal geschieht etwas mit uns ohne unser Zutun (wobei wir allerdings darauf achten müssen, was da mit uns geschieht, um ggf. rechtzeitig die Notbremse zu ziehen, denn nicht alles, was aus unserem Inneren kommt, ist gut!).
    Betrachten wir z.B. den Gesang eines Vogels. Entstanden ist die Schönheit des Gesangs dadurch, weil Vogelweibchen jene Männchen bevorzugen, die am schönsten singen können. Das Vogelweibchen empfinden also die Schönheit des Gesangs. Da aber das Männchen keinen Verstand hat, kann sein Gesang auch nicht im Kopf entstanden sein, sondern muss aus seinem Inneren stammen. Das Merkwürdige ist dabei, dass wir Menschen den Gesang eines Vogels i.a. ja ebenfalls schön finden.
    Allgemein kann man wohl sagen, dass die Kunst eine geeignete Möglichkeit ist, um an das Zeitlose in uns zu gelangen.
    (Letzte Änderung: 18.02.06)

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    Selbst-Reflexion

    In der Raumzeit befinden sich einige miteinander in Verbindung stehende Ereignisse, die mit meiner Existenz zu tun haben. Solche Ereignisse sind z.B.:

  • die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle und damit die Festlegung des Erbguts. Diese Festlegung kann auch zu mehreren Individuen führen (z.B. Zwillinge).
  • das Empfinden von Wahrnehmungen (wohl bereits in der pränatalen Phase), ein allmählich einsetzender Vorgang.
  • die Fähigkeit des Erinnerns. Dieser ebenfallls allmählich einsetzende Vorgang ist von besonderer Bedeutung: Erinnern ist ein zeitlicher Rückgriff auf in der Vergangenheit Erlebtes und Gedachtes, das in meinem räumlichen Gehirn gespeichert ist. Es findet hier eine Aufspaltung der Raumzeit in mein räumliches Gehirn und meine zeitliche Erinnerung statt. Erst dieser Vorgang ermöglicht es mir, mich selbst zu erkennen!
    Entlang der Zeitachse bewege ich mich mit Lichtgeschwindigkeit (oder etwas darunter, wenn ich mich im Raum bewege). Die Endlichkeit und Konstanz der Lichtgeschwindigkeit legt den Ablauf meiner Zeit fest.
    Aus meiner "Innensicht" repräsentiert mein Bewusstsein grundsätzlich die Gegenwart (C.F.v.Weizsäcker in "Zeit und Wissen"). Aus der Außensicht, nämlich aus der Sicht eines außenstehenden Beobachters, ist das keineswegs so.
    Eine grundsätzliche Verschiebung der Zeit zwischen Innen- und Außensicht entsteht durch die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit, die bewirkt, dass mir immer nur gerade eben Vergangenes bewusst wird. Das ist aber noch nicht alles. Libet hat 1967 folgendes Experiment durchgeführt:
    Er reizte bei einem Patienten durch Elektroden im Gehirn die Region für die rechte Hand. Etwa 0,4 Sekunden später reizte er direkt die linke Hand. Der Patient gab erstaunlicherweise bekannt, dass er den Reiz in der linken Hand zuerst wahrgenommen hat.
    Es dauert ca. 0,5 s, bis ein äußerer Reiz ins Bewusstsein gelangt. Dieser Reiz wird allerdings als unmittelbar empfunden. Wenn wir nun aus Versehen einen heißen Ofen berühren, ziehen wir die Hand sofort zurück, und erst eine kurze Zeit später wird uns bewusst, was geschehen ist.
    Es stellt sich hier natürlich die Frage nach dem "Freien Willen" (siehe hierzu auch das nächste Kapitel).
    Hierzu hat sich Tor Nørretranders in "Spüre die Welt - Die Wissenschaft des Bewusstseins" im 9.Kapitel seine Gedanken gemacht:
    Libets Experiment sagt nur etwas über die Rolle des Bewusstseins bei unmittelbaren Entschlüssen aus, die wir ständig fassen ....
    Da Bewusstsein selbst das Ergebnis einer Hirnaktivität ist, liegt es auf der Hand, dass diese Aktivität einsetzt, bevor sich Bewusstsein einstellt. Es
    muss so sein. Infolgedessen steht nicht das Bewusstsein am Anfang, denn nur das Bewusste ist bewusst.
    Soweit zu Libet und Nørretranders.
    Ich bin unverwechselbar gegenüber allen anderen durch meine Historie. Meine Historie ist in meinem Gehirn gespeichert. Historie ist das Erinnern an Vergangenes: ich bin einzigartig durch das, was bisher mit mir und durch mich geschehen ist. Erinnerungen an Wahrnehmungen sind in Wahrheit Erinnerungen an Interpretationen von Wahrnehmungen, und den daraus gebildeten Konstrukten der Wirklichkeit. Auch Gedachtes kann erinnert werden. Gedanken gründen sich ebenfalls auf Interpretationen der Wirklichkeit. Interpretationen der Wirklichkeit sind begründet durch die Funktionsweisen meines Gehirns und meiner Sinnesorgane.
    Da mir grundsätzlich nur Vergangenes bewusst werden kann, ergibt sich die paradoxe Situation, dass ich auch selber niemals meine eigene Gegenwart wahrnehmen kann. Mir ist nicht einmal bewusst, was ich gerade jetzt denke. Das wird mir erst eine winzige Zeitspanne später bewusst. Der Zeitpunkt der Bewusstwerdung ist aber meine empfundene Gegenwart, die Gegenwart aus der Innensicht. Nur woher kommen dann meine Gedanken?
    Jedes Erlebte und Gedachte erweitert meine Historie. Wenn ich jetzt über mich selbst nachdenke, stelle ich fest, dass in meiner Historie als letztes eingetragen ist, dass ich über mich selbst nachdenke ......
    Selbst-Reflexion, die Frage nach "wer bin ich", findet immer innerhalb einer "strange loop" statt, ähnlich wie in der mathematischen Logik die Aussage: "Diese Aussage ist falsch!", aus der Gödel seinen Unvollständigkeitssatz: abgeleitet hat:

    Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.

    (Gödel gilt zwar als der bedeutendste Mathematiker des letzten Jahrhunderts. Wie Zeitzeugen aus persönlichen Gesprächen aber wissen, ging Gödels Denken viel weiter. Als sehr vorsichtiger Mensch äußerte er sich immer nur in den Formen des exakt Beweisbaren, und das war nun mal die Mathematik. Sein Denken baut auf Platon und Kant auf. Manche bezeichnen ihn sogar als bedeutendsten Philosophen nach Kant.)

    Diese bei Selbst-Reflexionen auftretenden Paradoxien sind eigentümlich für unser Ich-Bewusstsein, das deshalb grundsätzlich nie vollständig verstanden werden kann.
    Wittgenstein formuliert unter Tractatus philosophicus 7:

    Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.

    und unter Tractatus philosophicus 6.522:

    Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.

    Ein vollständiges Herausspringen aus der "strange loop" kann vorübergehend in der mystischen Versenkung erfolgen, endgültig dann aber im Tode, bei dem Raum und Zeit wieder zur Raumzeit vereinigt werden.
    (Letzte Änderung: 24.12.06)

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    Freier Wille

    Unter Willensfreiheit verstehen wir hier immer Entscheidungsfreiheit, also die Freiheit, sich zwischen mehreren Alternativen zu entscheiden, um dann eine auszuwählen, wobei das Unterlassen einer geplanten Handlung ebenfalls als Alternative gilt.
    Einige Neurologen (z.B. Gerhard Roth und Wolf Singer) meinen, den Menschen nach Kopernikus, Darwin und Freud zum viertenmal enttront zu haben, indem sie ihm den freien Willen absprechen. Sie gehen von der Feststellung aus, dass Entscheidungen anscheinend bereits im limbischen System des Gehirns getroffen werden, bevor sie uns bewusst werden.
    Ausschlaggebend sind Untersuchungen von Benjamin Libet. Er hatte festgestellt, dass bei einfachen Handlungen, z.B. dem Heben der linken Hand, zwischen dem Bewusstwerden, dass ich die Hand heben will, und der Handlung selbst ca. 0,3 s vergehen. Ein Außenstehender (der Messende) stellt aber fest, dass bereits ca. 0,5 s vor dem Bewusstwerden des Handlungswillens sich ein Bereitschaftspotential im Gehirn aufbaut. (heute, am 18.12.06, habe ich im Radio von einem Experiment Dresdner Hirnforscher gehört: sie ließen Pianisten schwierige Stücke spielen, und maßen dabei deren Gehirnströne. Jedesmal wenn die Pianisten einen falschen Ton spielten, ergab sich ein charakteristischer Ausschlag im EEG, was zunächst nicht weiter verwunderlich ist. Bemerkenswert dabei ist nur, dass der Ausschlag 0,1 s bis 0,2 s vor dem Spielen des falschen Tons auftrat!)
    C.F.v.Weizsäcker in "Zeit und Wissen" schreibt: Unser Bewußtsein, das Bewußtsein des Individuums, befindet sich immer in der Gegenwart. Kurt Bräuer in "Gewahrsein, Bewusstsein und Physik" beschreibt in Kapitel 8 die Libet-Experimente sehr deutlich. Zwischen Innensicht und Außensicht besteht offensichtlich eine Zeitverschiebung. Der Messende und der Gemessene erleben jeweils eine andere Gegenwart (was nach Relativitätstheorie und Quantenmechanik ja nichts ungewöhnliches ist).
    Es wäre wohl absurd zu behaupten, dass es nicht mein freier Wille war, die Hand zu heben. Wer oder was sollte denn sonst wohl die Entscheidung getroffen haben, etwa ein vorprogrammierter Automat, der in mir abgespult wird? Es ist wohl lediglich so, dass solche Trivial-Entscheidungen, wie das Heben einer Hand, bereits unbewusst vorbereitet werden, bevor sie uns bewusst werden. Man stelle sich einmal vor, wir würden beim Autofahren alle unsere Handlungen bewusst vornehmen. Wir dürften dann wohl nicht schneller fahren als 10 km/h! Genau so ist es mit dem Erlernen eines Musikstückes. Zunächst erlernen wir einen Lauf, indem wir bewusst vom Blatt spielen. Wenn der Lauf dann "sitzt", variieren wir bewusst nur noch die Phrasierung, der Lauf selbst wird unbewusst abgespielt. Wenn jetzt unbewusst ein Finger einen falschen Impuls erhält, merkt das das Gehirn bereits, bevor der Finger bewegt wird. Nicht-triviale Entscheidungen werden dagegen viel umfasender vorher geplant, und unterliegen damit durchaus unserem bewussten Willen.
    Unsere Entscheidungen werden geprägt von unserer Vita (Erziehung und Erfahrungen), unserer Triebstruktur und unserer genetischen Veranlagung. All das wissen wir bereits nach unserer dritten Enttronung (Freud). Ein Beispiel:
    Ich befinde mich in einem Warenhaus. In einem Regal liegt eine Ware, die ich sehr gerne haben möchte, die mir aber viel zu teuer ist. Im "klassischen" Fall (bei bewusstem Handeln) würde ich jetzt folgende Überlegungen anstellen: Ich möchte die Ware gerne haben, kann sie aber nicht bezahlen. Ich könnte sie stehlen. Nur dann könnte ich erwischt werden, was nicht nur äußerst peinlich wäre, sondern auch Strafe kostet. Außerdem habe ich mal gelernt, dass man so etwas nicht tut. Also lasse ich die Ware lieber im Regal. Wenn nun das limbische System die Entscheidung trifft, dann entscheidet es auf Grund der gleichen Kriterien und kommt zu genau dem gleichen Ergebnis. Es ist zwar interessant, was im Gehirn abläuft, aber etwas umwälzend Neues ist es nicht.
    Wie sieht es dann aber mit der Verantwortung für unser Handeln aus? Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl's "Gnade der späten Geburt" meint wohl genau, dass wir diese Verantwortung nicht haben. Können wir aber wirklich so einfach den Kopf aus der Schlinge ziehen? Sicher ein schwieriges Thema. Ich könnte natürlich sagen, dass ich massenhaft Juden gerettet hätte, wenn ich während der Nazizeit gelebt hätte. Wohl eine anmaßende, und wegen ihrer Nichtnachprüfbarkeit lächerliche Behauptung. Bei einem nationalistisch und antisemitisch geprägten Elternhaus ist mir sehr wohl bewusst, dass die Erfahrung des Kriegsendes und eine Reihe glücklicher Begegnungen zu meiner heutigen pazifistischen Einstellung geführt haben.
    Wir sind nur bedingt frei, weil unser Handeln entscheidend von unserer Sozialisation geprägt ist. Wichtig ist es, davon zu wissen. Nun könnten wir mit unserem jetzigen Zustand ja durchaus zufrieden sein. Es gibt aber viele Gründe, unseren jetzigen Zustand doch ändern zu wollen, im Extremfall, wenn wir eine Gefahr für andere darstellen, oder wenn wir uns selbst schaden. Der Philosoph Peter Bieri von der FU Berlin benutzt als Titel für eines seiner Werke: "Das Handwerk der Freiheit". Wir können an der Vervollkommnung unserer Freiheit arbeiten, u.U. mit Unterstützung eines Therapeuten.
    Peter Bieri in einem Interview:
    Man muss von einer schrankenlosen Freiheit ausgehen, um sich von den Entdeckungen der Gehirnforschung erschrecken zu lassen. Nur wenn man glaubt, dass die Freiheit des Willens die Fähigkeit sein müsste, eine völlig neue, geschichtslose Kausalkette in Gang zu setzen – nur dann kann man verblüfft, schockiert oder verstört sein, zu erfahren, dass alles, was wir wollen, Vorbedingungen hat. Im Grunde hängt jeder, der sich gegen die Entdeckungen der Neurowissenschaften sträubt, insgeheim einer solchen absoluten Freiheit an. Und umgekehrt: Nur wenn ein Neurowissenschaftler die absolute Freiheit zum Maßstab macht, kann er glauben, dass seine Entdeckungen Freiheit und Verantwortung als Illusion entlarven können.
    Ansatzpunkt für ein verantwortungsbewusstes Leben ist die Erziehung. Auf Triebstruktur und genetische Veranlagung haben wir keinen Einfluss. Die Erziehung endet nicht mit der Pubertät, sondern ist das ganze Leben lang möglich. Weil das Bewusstwerden des Handlungswunsches (außer bei Affekt-Handlungen) ja nicht unmittelbar zur Handlung führt, haben wir immer die Möglichkeit zu reflektieren, was wir da eigentlich vorhaben, um dann evtl. unsere Entscheidung noch zu revidieren, und deshalb sind wir in unserer Handlungsweise beschränkt frei! Dabei ist es völlig gleichgültig, ob wir diese Reflexion bewusst vornehmen, oder ob sie im limbischen System geschieht. Hauptsache, wir haben diese Vorgehensweise "verinnerlicht".
    Die Vorgänge erinnern etwas an die quantenmechanische Problematik, weshalb die Makrowelt mit den Gestzen der klassischen Mechanik beschrieben werden kann, obwohl sie doch aus Teilchen zusammengesetzt ist, die den stochatischen Gesetzen der Quantenmechanik unterliegen. Die Lösung lautet hier: Dekohärenz (siehe Kapitel "Realität und Quantenwirklichkeit").
    Eine nicht-triviale Willensentscheidung setzt sich aus trivialen Einzelvorgängen zusammen, für die die Libet'schen zeitlichen Abläufe gelten. Diese zeitlichen Verzögerungen darf man nicht einfach aufaddieren, sie spielen vielmehr insgesamt keine Rolle, so dass hier nur noch die psychische Prägung und die genetische Struktur eine Rolle spielen. In dem Sinne sind nicht-triviale Willensentscheidung immer auch beschränkt freie Entscheidungen.
    (Letzte Änderung: 22.01.07)

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    Leben nach dem Tod ?

    ...Ist es nicht unlogisch, davor [vor dem Tod] Angst zu haben,
    wo ich dieses plötzliche Erlöschen doch garnicht mehr erleben werde...?

    Amadeu Inácio de Almeida Prado (aus dem Roman "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier).

    Eines Morgens wachst du auf und bist nicht mehr am Leben.
    Über Nacht, wie Schnee und Frost, hat es sich begeben.
    Aller Sorgen dieser Welt bist du nun enthoben.
    Krankheit, Alter, Ruhm und Geld sind wie Wind zerstoben.
    Friedlich sonnst du dich im Licht einer neuen Küste
    ohne Ehrgeiz, ohne Pflicht. - Wenn man das nur wüsste!

    Mascha Kaléko

    Definitionsgemäß endet das Leben mit dem Tod, so daß die Aussage:
    es gibt ein Leben nach dem Tod
    in sich widersprüchlich ist, und die obige Frage nur mit "nein" beantwortet werden kann.
    Betrachten wir, wie die einzelnen Begriffe definiert sind:

  • Als Leben bezeichnet man eine metaphysische Entität, die dann gegeben ist, wenn die charakteristischen Eigenschaften eines Lebewesens beobachtbar sind, etwa Selbstregulierung, Reproduktion und bei komplexeren Formen auch Zweckverfolgung. (aus Wikipedia)
  • Der Tod ist der unumkehrbare Verlust der für ein Lebewesen typischen und wesentlichen Lebensfunktionen (aus Wikipedia)
    Was ist nun metaphysische Entität ?
    Die Metaphysik (lat.metaphysica, von gr. metá "nach, über" und phýsis "Natur, natürliche Beschaffenheit", d.h. "was nach der Natur kommt") ist die Grunddisziplin der Philosophie. Sie behandelt die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie in universal angelegten Systementwürfen: die Fundamente (Voraussetzungen, Ursachen oder "ersten Gründe") und allgemeinsten Strukturen (Gesetzlichkeiten, Prinzipien) sowie den Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.
    (aus Wikipedie)
    Entität ist in der Philosophie ein ontologischer Sammelbegriff, der alle Phänomene bezeichnet. So werden Gegenstände, Eigenschaften, Prozesse, usw. als Entitäten zusammengefasst. Will man von der Existenz eines Phänomens reden, das jedoch nicht weiter spezifiziert werden soll, so nennt man es eine Entität.
    (aus Wikipedia)
    Da das Leben als metaphysische Entität bezeichnet wird, gilt das gleiche dann wohl auch für den Tod. Der Tod ist somit nicht unbedingt das endgültige Ende unseres Seins, sondern es kann auch ein Übergang in eine andere Realität sein. Es ist letztlich eine Sache des Glaubens.
    Wir können allerdings sagen, was mit dem Tode alles nicht mehr vorhanden ist:
    Da unser Gehirn im Tod sein Funktionalität verliert, ist somit die durch unsere Historie festgelegte Individualität nicht mehr gegeben. Mit dem Tode verlieren wir unsere Individualität! Durch den Verlust der Funktionen von Gehirn und Sinnesorganen geht jeglicher Kontakt zur physischen Welt, und jede Möglichkeit der gedanklichen Erfassung der Welt, verloren. Das "Konstruieren" der Zeit durch unser Gehirn ist dann auch nicht mehr möglich, so dass ein "danach" von daher auch sinnlos ist.
    Ist nun aber die Tatsache, dass wir im Tiefschlaf oder während einer Bewusstlosigkeit anscheinend nichts erleben, einfach nur absolutes schwarzes NICHTS herrscht, der Beweis dafür, dass der Tod ebenfalls ein endgültiges absolutes schwarzes NICHTS bedeutet? Das wäre dann ein Trugschluss, wenn im Tiefschlaf oder während einer Bewusstlosigkeit einfach nur die Möglichkeit unterbunden wäre, etwas in unser Gedächtnis aufzunehmen, so dass wir uns an nichts erinnern könnten, was während dieses Zustandes geschehen ist.
    Der Tod ist ein Übergang zu etwas ganz Anderem. Dieses ganz Andere, und doch irgendwie Vertraute muss, da es zeitlos und unsterblich ist, bereits während des Lebens in uns vorhanden sein, das durch unsere Alltagssorgen nur überdeckt wird. Somit könnte man den Tod wohl auch eher als eine Art Abwerfen einer Hülle bezeichnen, so dass dann der Wesenskern zutage tritt. Es besteht dann allerdings die Gefahr, das Leben für sinnlos zu halten. Das ist es sicher nicht; wir selber müssen unserem Leben allerdings einen Sinn geben, wobei die Leidensfähigkeit aller Lebewesen hier einen Hinweis gibt, siehe Kirillow
    Allerdings kann dieses ganz Andere auch einfach NICHTS sein; das können wir nicht genau wissen; wir bewegen uns hier im Bereich des Glaubens! "Glaubensgewissheit" ist ein Widerspruch in sich, und damit unmöglich. Gerade die Ungewissheit ist ja der Antrieb für ständig neues Nachdenken.
    Im Kapitel wahrnehmen und empfinden habe ich darauf hingewiesen, dass das Ästhetische ein Hinweis auf dieses ganz Andere in uns sein könnte. Weiter möchte ich auf das erste Kapitel Wer bin ich? verweisen. Hinweise auf dieses ganz Andere findet man in der Mystik, z.B. bei Meister Eckhart, im Zen-Buddhismus und im Taoismus.
    (Letzte Änderung: 18.11.06)

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    Teilen statt Horten !

    Es hat sich gezeigt, dass eine grundlegende Wahrheitsfindung (bzw. die Annäherung daran) nur fachübergreifend erfolgen kann.
    Z.Z. finden große Fortschritte in der Neurowissenschaft statt. Um bei der Interpretation der daraus folgenden Ergebnisse nicht zu Trugschlüssen zu gelangen, müssen andere Fachgebiete hinzugezogen werden. Die Physik zeigt uns die Welt, wie wir sie wahrnehmen. Die Neurowissenschaft kann uns Hinweise darauf geben, warum wir sie so und nicht anders wahrnehmen. Daraus ergeben sich Folgerungen für die Philosophie, und zuletzt auch für die Mystik. Ggf. müssen rückwirkend dann sogar physikalische Theorien revidiert werden.
    Die philosophischen Folgen der fächerübergreifenden Betrachtungsweise (Neurowissenscheft - Physik - Mystik) können hilfreich sein zur Lösung vieler Menschheits- Probleme: Kriege, soziale Ungerechtigkeit (und daraus resultierend Hunger und Krankheit), Umweltzerstörung.
    Wir gelangen mental immer mehr vom Egoismus zum Allheitsdenken. Die Physik zeigt uns insb. in der Relativitätstheorie, in der Quantenmechanik und der Chaostheorie, dass alles mit allem zusammenhängt. Isolierte Betrachtungsweisen führen zu Widersprüchen. Neurowissenschaft und mathematische Logik zeigen uns die Grenzen unserer Erkenntnis- Fähigkeit.
    Religionen als eine der stärksten Kriegsverursacher müssen durch Mystik ersetzt werden, die prinzipiell Separatismus ausschließt. Wenn wir bedenken, dass jedes leidende Wesen ein Teil von uns selber ist, was aus einer mystischen Betrachtungsweise der Welt folgt, dann werden wir gemeinsam die Probleme angehen, und auf unseren krankhaften Egoismus (immer mehr Geld, soviel wie wir nur bekommen können, ohne zu bemerken, dass wir dadurch nicht glücklicher, sondern immer unruhiger um unseren Besitz besorgt werden) verzichten.
    Die Neurowissenschaft hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, sich bestimmte Denkweisen im frühen Kindesalter anzueignen. Dazu bedarf es einer entsprechenden Erziehung. Dazu mein Apell an alle Theologen, Priester, Religionslehrer und andere Erzieher:
    Schafft die Religionen ab, sie bringen nur Krieg. Ersetzt sie durch Mystik!
    Mein Apell an alle Ökonomen:
    Schafft den Kapitalismus ab, er bringt nur Kriege und soziale Ungerechtigkeit. Bringt bereits den Kindern bei, dass nicht Besitz, sondern Solidarität anzustreben ist!
    (Der sich über viele Jahrzehnte hingestreckte grandios gescheiterte Großversuch hat doch nur gezeigt, dass es so nicht geht. Damit ist aber doch nicht gesagt, dass es überhaupt nicht geht!)
    Um unsere Kinder entsprechend erziehen zu können, müssen die Erzieher sich diese Denkweise selber verinnerlichen. Das kann aber nur so geschehen, dass wir schrittweise von Generation zu Generation vorankommen (denn die Erzieher müssen ja selber auch erzogen werden). Auf der Stelle treten, oder gar zurückrudern ist der falsche Weg.
    (Letzte Änderung: 19.03.06)

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    Alles Zufall ?

    Dieses Kapitel sollte als Zusammenfassung des bisher Gesagten aufgefasst werden.

  • 1: Ein zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort geborener Körper Nr.X mit ganz speziellen Funktionsweisen führte zu meinem subjektiv empfundenen ICH.
  • 2: Ich bin ein Lebewesen auf dem Planeten Erde. Die Entstehung von Leben scheint ein äußerst zufälliger Prozess zu sein (z.B. "Spektrum der Wissenschaft" 01.07: "Woher das Leben kam").
  • 3: Auf der Erde konnte nur Leben entstehen, weil die Erdbahn zufällig die richtige Lage zur Sonne mit einer zufällig günstigen Größe hat.
  • 4: Das Antropische Prinzip (häufig auch mit th geschrieben): ein Weltall mit den genau richtigen Naturkonstanten und -gesetzen. (hierzu und weitergehende links: de.Wikipedia.org: Anthropisches Prinzip )
    Die Punkte 2 und 3 können mit der Größe des Weltalls und der großen Zahl der darin enthaltenen Sonnensysteme erklärt werden.
    Zu Punkt 4, die unglaublich genaue Feinabstimmung der Naturkonstanten und -gesetze, die für unsere Existenz notwendig ist, widerhole ich:
  • a: Es wird eine Weltformel gefunden, aus der hervorgeht, dass die Welt gar nicht anders sein kann, als sie ist.
  • b: Unsere Welt ist nur eine von Vielen ("Viele-Welten-Theorie"), und in unserer sind die Bedingungen zufällig so, dass es uns geben kann.
  • c: Man findet in einer "gödelschen" Beweissführung, dass das Problem grundsätzlich nicht gelöst werden kann.
    Möglichkeit a ist unter Kosmologen am beliebtesten. Sollte eine solche Formel jemals gefunden werden: wer hat sich diese Formel ausgedacht?
    Möglichkeit b ist irgendwie "billig", denn wer genügend oft im Lotto spielt, wird wohl auch irgendwann gewinnen. Bei unendlich vielen Welten würde es sogar unendlich viele bewohnbare Welten, und unendlich viele Alter Egos von jedem von uns geben. Da wir grundsätzlich keine Möglichkeit hätten, mit einer der anderen Welten Kontakt aufzunehmen, ist die zugrunde liegende Theorie weder verifizierbar noch falsifizierbar, und damit keine wissenschaftliche Theorie. Es wäre Metaphysik (womit nicht gesagt wäre, dass es so nicht sein könnte, wir könnten es aber grundsätzlich nicht beweisen).
    Möglichkeit c tritt ein, wenn es sich nachweisen lässt, dass Gödels Satz: "Ein System kann nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit verwendet werden" auf das gesamte Weltall bezogen werden kann.
    Punkt 1 ist sicherlich am schwierigsten zu behandeln, obwohl die Tatsache meiner Existenz ja nunmal offensichtlich ist, sonst würde ich ja nicht hier sitzen und diesen Text schreiben. Das Ich-Bewusstsein bildet sich allmählich während der ersten Lebensjahre heraus; nur warum gerade dieses ICH bei diesem zufälligen Körper Nr.X? Ich könnte doch genau so gut mein Bruder sein, und mich gäbe es dann nicht. Ein Außenstehender würde davon natürlich nichts merken, und ich auch nicht, weil es mich dann ja nicht gäbe.
    Bei einer "konstruktivistischen" Sichtweise bin ich es ja selber, der aufgrund der Beschaffenheit meines Gehirns und meiner Sinnesorgane Zeit und Raum und die Dinge darin, zu denen auch ich gehöre, "konstruiere", und zwar aus einer "Welt der Dinge ansich" in genau der Weise, wie ich sie erlebe. Die Frage nach einem Davor und Danach wird dadurch sinnlos. Es gibt nur ein sich ewig wandelndes Sein. Das ICH wird für seine Konstruktion bereits vorausgesetzt. Das kann nur geschehen, wenn der Körper Nr.X bereits eine Vorstufe eines noch nicht persönlichen ICHs besitzt, aus der dann durch Annahme seiner selbst das persönliche ICH entsteht.
    Andere können sich besser ausdrücken, z.B. Meister Eckhard (aus Quint: Deutsche Predigten und Traktate, Predigt 32: "Armutspredigt"):
    In jenem Sein Gottes nämlich, wo Gott über allem Sein und über aller Unterschiedenheit ist, dort war ich selber, da wollte ich mich selber und erkannte mich selber (willens), diesen Menschen (= mich) zu schaffen. Und darum bin ich Ursache meiner selbst meinem Sein nach, das ewig ist, nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist.
    oder Søren Kierkegaard in "Entweder-Oder der absoluten Wahl" (Übersetzung: Emanuel Hirsch): ..... und das Ich wählt sich selbst, oder richtiger, es empfängt sich selbst. ..... Der Mensch wird nicht ein anderer denn er zuvor gewesen, nein, er wird erselbst; das Bewusstsein schließt sich im Ringe, und er ist er selbst. .....
    Wie man unschwer erkennt, bewegen wir uns hier im Bereich der Mystik und nicht mehr der Naturwissenschaft. Ich nehme an, dass die Naturwissenschaft hier an ihre Grenzen stößt, weil auch hier obiger Satz von Gödel gilt:
    Ein System kann nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit verwendet werden
    Um Ludwig Wittgenstein zu zietieren (Tractatus philosophicus 6.522):
    Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.
    (Letzte Änderung: 09.01.07)

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    Perspektiven der Wirklichkeit

    Es geht hier darum, gewisse Irritationen zu beheben, die sich aus der Tatsache ergeben, dass ein und dieselbe Sache aus der "Innensicht" und der "Außensicht" unterschiedlich wahrgenommen wird.
    Unter "Innensicht" oder auch "Erste Person - Perspektive" sei hier eine Betrachtungsweise verstanden, wie ich sie selbst als Subjekt wahrnehme. Die "Außensicht" oder "Dritte Person - Perspektive" ist die Betrachtungsweise eines Außenstehenden, des Beobachters, dessen Beobachtungsobjekt ich selber bin.
    Wie unterschiedlich die Betrachtungsweisen sein können, sehen wir z.B. am Existenz-Problem:
    Mich gibt es als Körper Nr. X mit den typischen körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten eines durchschnittlichen Menschen, sicher mit für mich typischen Eigenheiten. So würden mich wohl die meisten meiner Mitmenschen wahrnehmen. Betrachte ich mich aber selbst, so ist die Frage, wieso der Körper Nr. X mit meinem bewussten "Ich bin hier und jetzt" gekoppelt ist, sicher schwieriger, wenn überhaupt, zu beantworten. Dieser Körper Nr. X könnte doch genau so gut mein Bruder sein, und mich gäbe es dann nicht. Welche Voraussetzungen muss der Körper Nr. X denn haben, damit aus der Innensicht "Ich bin hier und jetzt" von meinem bewussten Ich (dem Selbst) wahrgenommen wird. Wenn am Tage meiner Empfängnis die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre, wäre der Körper Nr. X dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich als "Ich bin hier und jetzt" gäbe es dann nicht? In dem Fall könnte der Körper Nr. X genau die gleiche Frage stellen, für einen Außenstehenden wäre das völlig gleich. Nur käme die Frage dann nicht von "Ich bin hier und jetzt", weil es mich dann ja nicht gäbe. Die Frage würde, wenn sie denn überhaupt gestellt werden würde, von meinem Bruder oder meiner Schwester gestellt. Für mich ist die Frage einerseits von existentieller Bedeutung, gleichzeitig aber auch absurd: ich kann die Frage nur stellen, weil es mich gibt. Dann bräuchte ich aber gar nicht erst zu fragen. Ein Zen-Meister würde diese Frage wohl mit einem Koan beantworten.
    Menschen, die an Schizophrenie leiden, können mehrere "Ich bin hier und jetzt" in ihrem Gehirn beherbergen, zwischen denen sie dann springen können. Bei Menschen mit einem durch Unfall oder Erkrankung verursachten teilweisen Verlust des Gedächtnisses wird nach der Genesung häufig von einer Persönlichkeits-Änderung gesprochen, so als ob sie jetzt ein anderes "Ich bin hier und jetzt" wären. Das können wir aber nur aus der "Außensicht" beurteilen. Wenn wir den Betroffenen sagen würden: "Du bist ja gar nicht mehr Duselbst", dann würde er wohl protestierend widersprechen, denn er kann ja aufgrund seines Gedächtnisverlustes nicht wissen, ob er früher jemand anderes war.
    Selbst wenn unsere individuelle Historie unsere Persönlichkeit entscheidend prägt, ist damit das "Ich bin hier und jetzt" noch lange nicht geklärt. Warum war Napoleon an seinem "Ich bin hier und jetzt" im 18. und 19. Jahrhundert Napoleon, und warum bin ich gerade hier und jetzt "Ich bin hier und jetzt"? Søren Kierkegaard ist dieser existentiellen Frage wohl am intensivsten nachgegangen, beantwortet sie in "Entweder-Oder der absoluten Wahl" dann allerdings aus seinem christlich-lutherischen Glauben heraus, wobei der Aspekt des Wählens und Annehmens seiner selbst von Bedeutung ist. Antworten, die aus einem bestimmten Glauben heraus abgeleitet werden, können natürlich niemals objektiv sein.
    Bei der Frage nach der Willensfreiheit ergeben sich ähnliche Probleme. Einige Neurowissenschaftler (z.B. Singer, Roth, Prinz) mögen uns ja den freien Willen absprechen, und führen u.U. dafür die Libet-Experimente an. Ich selber würde aus der Dritten-Person-Perspektive sagen, dass wir bedingt frei in unseren Entscheidungen sind, weil unsere Sozialisation eine wichtige Rolle spielt. Aus der Erste-Person-Perspektive werde ich meine Entscheidungen aber immer als frei bezeichnen, ganz egal was Hirnforscher in meinem Gehirn messen. Von irgendwelchen Bereitschafts-Potentialen in meinem Gehirn merke ich nichts. Ich entscheide mich jetzt, meine Hand zu heben, und tue das aus freier Entscheidung.
    Ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Betrachtungsweisen aus der Innensicht und der Außensicht ist das Qualia-Problem:
    Ein Beobachter stellt fest, was in unserem Körper geschieht, wenn Photonen mit einer Wellenlänge von sagen wir 750 nm die Netzhaut unseres Auges trifft. Er wird dann wohl feststellen, dass in gewissen Bereichen unseres Gehirns für diesen Vorgang typische Erregungsmuster entstehen. Aus der "Innensicht" stelle ich aber ganz was anderes fest, nämlich dass ich die Farbe "Rot" sehe. Das ist aber eine ganz individuelle Interpretation dieses Vorgangs. Wir haben uns zwar geeinigt, dass ein bestimmter Gegenstand, den wir wahrnehmen, die Farbe "Rot" hat, nur die Farbempfindung ist eine ganz individuelle Angelegenheit. Würden wir zu den 8% rot-grün-blinden Männern gehören, würden wir die Welt ganz anders sehen.
    Stellen wir uns folgendes Experiment vor: Ich befinde mich in einem Messraum, an meinem Kopf sind Elektroden befestigt. In einem Nebenraum befindet sich ein farbenblinder Neurobiologe, der auf einem Monitor meine Gehirnströme beobachtet. Jemand hält mir einen Strauß roter Rosen vors Gesicht. Der Neurologe ruft mir zu: "Ich habe anhand der Messkurven festgestellt, dass du gerade etwas rotes gesehen hast!". Weiß der Neurologe jetzt, wie die Farbe "Rot" aussieht? Sicherlich nicht. Siehe dazu auch die Arbeit What is it like to be a bat? von Thomas Nagel. (in The Philosophical Review, Oktober 1974.)
    In den Bereich der Qualia gehört auch die flüchtige Welt der Gefühle, die allerdings von anderer Art ist als z.B. die Farb-Wahrnehmung. Wer mindestens einmal die Farbe rot gesehen hat, kann sich diese Farbe auch bei geschlossenen Augen vorstellen. Er erinnert sich daran, wie die Farbe rot aussieht, der Farbeindruck ist offensichtlich im Gedächtnis gespeichert, und kann wieder abgerufen werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Erkennen von Farben. Mit unseren Gefühlen sieht das anders aus; sie sind flüchtig. Wir hören ein wunderschönes Musikstück, und in unserem Innern tut sich etwas, wir haben ein Gefühl. Nur sind wir nicht in der Lage, dieses Gefühl jederzeit aus dem Gedächtnis abzurufen. Das ist wohl auch gut so, sonst würden wir uns wohl wie die Morphinisten ständig diesen Gefühlen hingeben, und dabei unsere lebensnotwendigen Tätigkeiten vernachlässigen und schließlich zugrunde gehen. Wir können uns zwar daran erinnern, dass wir Gefühle hatten, nur die Gefühle selber sind nicht reproduzierbar. Es handelt sich bei Gefühlserlebnissen um einmalige flüchtige Vorgänge. Und was nicht erinnert werden kann, ist zeitlos, ewig.
    Das Besondere ist dabei, dass Gefühle ein gemeinsames Band sind, dass mindestens alle Wirbeltiere mit uns teilen. Nicht für uns singt die Nachtigall, und trotzdem löst deren Gesang Gefühle bei uns aus. Das brahmanische tat twam asi (das bist Du!) verdeutlicht dies. Dazu ein Zitat aus: Transspiritualität Liebe als kosmische Evolution
    Akzeptieren wir dagegen das Lebensprinzip des tat twam asi, erkennen wir uns in allem, was wir sind und bekennen uns zu allem, was uns begegnet. Es gibt nun keine Aufteilung mehr in Gut und Böse. Alles ist, was es ist, und all das sind wir; das heißt wir sind eins mit allen Erscheinungen des Lebens, die sich in unserem Bewusstsein spiegeln. Wir erfahren keine Grenzen mehr zwischen uns und der Welt und können deshalb alles so lieben, wie es ist.
    Es stellt sich hier die Frage nach den Grenzen des Wissbaren. Ich nehme an, dass wir aus der Außensicht immer tiefere Einsichten in die Funktionsweise der Welt erhalten, auch wenn wir wohl niemals sagen können, dass wir jetzt alles verstanden haben: nach jeder beantworteten Frage eröffnet sich eine neue Schar von zu lösenden Rätseln. Die Außensicht ist das Gebiet der Logik und der Reduktion.
    Aus der Innensicht stoßen wir dagegen sehr schnell an Grenzen, die rational nicht überwunden werden können. Wahrheiten kann hier nur jeder in sich selbst in einem mystischen Erlebnis finden. Deshalb verwirrt ein Zen-Lehrer ja auch seine Schüler mit Koans, die ja scheinbar völlig absurd und sinnlos sind. Das Ziel der Koan-Praxis ist die Erkenntnis der Nichtzweiheit. Die Illusion, dass die Dinge unterschieden sind und dass das Ich eine eigene, vom Rest abgegrenzte Existenz hätte, soll sich in der Übung mit dem Koan auflösen.

    Ein Mönch sagte zu Jôshû:
    "Ich bin gerade erst ins Kloster eingetreten. Bitte unterweise mich."
    Jôshû fragte: "Hast du deinen Reisbrei schon gegessen?"
    "Ja."
    "Dann geh und säubere deine Schale."

    Siehe auch z.B.: Zenkreis Bremen

    Musik, bildende Kunst, Poesie sind Ausdrücke der Innensicht. Wenn die Amsel ihr Liedchen singt, teilt sie uns Aspekte ihres Innenlebens mit.
    Die Innensicht ist der Bereich der Ästhetik, die Außensicht der Bereich der Logik. Die Ethik kann als verbindendes Glied aufgefasst werden.
    Auf den ersten Blick mag diese Vorstellungsweise dualistisch erscheinen. In Wahrheit sind es aber nur zwei Seiten einer Medaille. (Ähnlich wie im Taoismus Jin und Jang sich in einem Kreis als Symbol des Tao vereinigen). Nur der Versuch, die Innenperspektive, die subjektive Seite, zu objektivieren, um sie dann zu reduzieren (wie z.B. Patricia Churchland es versucht), dürfte wohl scheitern. Objektive Wissenschaften haben Hervorragendes geleistet, und werden auch noch weiter Hervorragendes leisten, bis hin zur Reduktion auf eine Weltformel (unabhängig davon, ob das Ziel jemals erreicht wird). Subjektivität hat ebenfalls Hervorragendes geleistet, und wird es auch noch weiterhin tun. Es sind die Werke Bachs, Mozarts, Beethofens, Shakespeares, Goethes, Dostojewskis, Kafkas, Rembrands, van Goghs, Noldes ..... , und die Äußerungen vieler Menschen und Tiere, die sich aus der Subjektivität äußern. Eine Vermischung der Methoden beider Aspekte führt in eine Sackgasse.
    Patricia Churchland (zum Beispiel) versucht, das Subjekt zum Objekt zu machen, und dann auf der objektiven Seite zu reduzieren (so habe ich sie jedenfalls verstanden). Das halte ich allerdings für eine Kategorien-Vermischung, die zu keinem Erfolg führen wird. Wenn ich Thomas Nagel richtig verstanden habe, versucht er dagegen, beide Seiten zu belassen, und auf einer noch zu entdeckenden darüberliegenden Ebene auf eine noch nicht bekannte Weise zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Es geht also darum, aus dem Subjekt - Objekt - System herauszutreten (Das erinnert in der Vorgehensweise an Gödels Theorem).
    (Letzte Änderung: 16.06.07)

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    Realität und Quantenwirklichkeit

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